Der Tagesspiegel : Die Pionierrepublik lebt: Westdeutsche planen am Werbellinsee

Europas größtes Kinder- und Jugenddorf mit DDR-Historie wird jetzt saniert

Claus-Dieter Steyer

Altenhof – Das Denkmal des großen Arbeiterführers ist verschwunden, die Fahnenstangen sind verwaist, und auf dem Appellplatz tummeln sich Basketballspieler. Nur der Name hat die Stürme der Zeit überstanden: Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“ am Werbellinsee. Geschäftsleitung und Werbe-Abteilung greifen fast 15 Jahre nach dem Mauerfall noch zu diesem alten Begriff, wenn auch mit dem Zusatz „ehemals“ oder „vormalig“. Im Osten, woher die meisten der täglich bis zu 1000 jungen Gäste nach wie vor stammen, hat die Pionierrepublik einen erstaunlich guten Klang. So manches ist auf dem rund 100 Hektar großen Gelände in der Schorfheide schon verändert worden, aber die großen Umbauarbeiten beginnen erst jetzt. Ein Investor aus Karlsruhe will mit anderen Partnern 5,5 Millionen Euro in die Modernisierung stecken.

Es geht in dem vor 52 Jahren eröffneten Areal recht lebhaft zu. In einer Ecke führen Mitglieder des Berliner Behindertenvereins ein selbst geschriebenes Theaterstück auf, während Frauen und Männer vom Polizeiabschnitt 62 aus der 70 Kilometer entfernten Großstadt auf einer Wiese ihre Kondition stärken. Andere Gruppen spielen Volleyball, springen in den See, kämpfen im Computerkabinett gegen böse Mächte auf dem Bildschirm oder machen sich für eine Kanu-Tour fertig. Die Jugend amüsiert sich wie früher, schließt Freundschaften und tobt sich aus – natürlich ohne die zu DDR-Zeiten üblichen Appelle und Agitationsstunden für die ausgesuchten Jung-Funktionäre.

Dabei hing die Existenz dieses in Europa jetzt größten Kinder- und Jugenddorfs seit 1990 mehrfach am seidenen Faden. Die Geschichte als Kaderschmiede und der Name des ersten DDR-Präsidenten erwiesen sich vor allem bei westlichen Interessenten als Bremsklotz, gegen den selbst die herrliche Lage nichts ausrichten konnte. Ursprünglich sollten in den dreistöckigen Häusern mit der großzügigen Terrasse nach dem Krieg Kinder ohne Eltern untergebracht werden. Die meisten Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Experten rechnen sogar viele Details der typischen NS-Architektur zu. Das ist nicht verwunderlich, hatten doch Professoren und Ingenieure ihre Ausbildung in den dreißiger Jahren erhalten.

Doch aus der geplanten Erziehungsstätte für Kriegswaisen wurde nichts. Die DDR-Führung eiferte dem großen Vorbild Sowjetunion nach und eröffnete nach dem Muster des Pionierlagers Artek auf der Krim eine eigene „Republik für Kinder“, wie es Wilhelm Pieck bei der Eröffnung am 16. Juli 1952 formulierte. Von dem hohen Anspruch, die Türen für alle Kinder zwischen Rügen und dem Erzgebirge zu öffnen, blieb danach allerdings nicht viel übrig. Ein Aufenthalt in der Pionierrepublik galt als Auszeichnung für „gute Leistungen in der Schule und für die Gesellschaft“. Immer mehr Plätze gingen an ausländische Kinder- und Jugendorganisationen. So konnten nur hier Freundschaften zwischen Ostdeutschen und französischen Jung-Kommunistinnen oder sich als kleine arabische Prinzen ausgebende Jeminiten entstehen.

Nach der Wende wollte jedermann den Luxus genießen. Die Buchungszahlen blieben bis 1991 auf hohem Niveau. Dann hatte sich die Neugier gelegt. Verschiedene Eigentümer versuchten sich mit der Vermarktung. Die Beschäftigtenzahl sank kräftig: von einst 400 auf jetzt 40. Zuletzt hatte 2001 der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe seine „Feuerwehr für brenzlige Sachen“, die Landesentwicklungsgesellschaft LEG, ins Feld geschickt. Nun will Geschäftsführerin Beatrice Annies wieder mehr Gruppen und Familien ansprechen. Derzeit verbringen rund 300 Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihre freien Tage am Werbellinsee. Die Kapazität der einstigen Pionierrepublik reicht für die dreifache Zahl.

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