Der Tagesspiegel : Die Stille nach dem Schuss

In Nauen kehrt der Alltag ein, nachdem ein Polizist einen 28-Jährigen tödlich verletzt hatte – Anwohner erinnern sich an andere Opfer

Claus-Dieter Steyer[Jörn Hasselmann],Sand

Nauen - Die Stadtreinigung hat ihren Job schnell erledigt. Die Scherben der zerschlagenen Bushaltehäuschen sind längst zusammengekehrt; und dort, wo sich Mittwochabend eine große Blutlache befand, parkt jetzt ein Wohnmobil.

Es sind die Stunden nach den Schüssen eines Polizisten auf drei Männer, von denen einer starb: Sven G., 28 Jahre alt.

Nicht nur im Ort wird darüber geredet, was genau geschehen ist in der Waldemarstraße. Die Polizei in Berlin jedenfalls wird gegen ihren Beamten keine disziplinarischen Maßnahmen ergreifen. „Wir gehen von Notwehr aus“, sagte Polizeisprecher Marcel Kuhlmey. Das 28-jährige Opfer war zweimal getroffen worden – einmal in den Oberschenkel und einmal in den Kopf. Dies ergab die Obduktion. Die Schussentfernung soll zwischen vier und acht Metern liegen.

Wie berichtet, hatte Sven G. mit zwei Bekannten mit Nothämmern, die sie zuvor im Zug gestohlen hatten, am Bahnhof Nauen Scheiben eingeschlagen. Als der auf dem Heimweg befindliche Polizist die Männer ansprach, sollen zwei von ihnen auf den Beamten zugelaufen sein, um ihn anzugreifen, wie es bei der Polizei hieß. Wieso es zu der Eskalation kam, sei unklar, sagte der Potsdamer Staatsanwalt Christoph Lange gestern. Der 24-jährige Kommissar mache weiter von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Gegen ihn wird wegen des Verdachts des Totschlags ermittelt; nach Angaben der Staatsanwaltschaft gebe es aber deutliche Hinweise, dass der Beamte in Notwehr geschossen habe. Wie berichtet, hatte Sebastian V. mit seinem Telefon den Notruf gewählt, das Geschehen wurde in der Leitstelle des Polizeipräsidiums Potsdam aufgezeichnet. „Es gibt nur drei Tatverdächtige“, betonte Lange. Die anderen beiden hatten sich nach den Schüssen gestellt.

Sebastian V. könne selbst entscheiden, ob er in den Dienst zurückkehren wolle oder lieber eine Pause einlegen möchte, sagte ein Polizeisprecher. Gestern gab es ein erstes Gespräch zwischen dem 24-Jährigen und dem sozialmedizinischen Dienst der Polizei. Dass der Randalierer auch in den Kopf getroffen wurde, sei so zu erklären: Entweder habe V. nach dem ersten Schuss ins Bein seine Pistole – eine „Sig Sauer P6“ – nach oben verrissen, oder das Opfer sei schnell zusammengesackt.

Auch im Tabakgeschäft nahe des Tatorts sind die Schüsse das Tagesthema. „Es gibt nicht mal Blumen für den Toten. Dabei hat er doch Kinder und eine Frau“, wundert sich eine ältere Frau. Das sei bei der Messerstecherei im Sommer vergangenen Jahres auf dem Bahnsteig anders gewesen, erinnert sich eine andere Dame. „Da lag sofort ein großes Blumenmeer an der Stelle. Dieser Tote war ja ziemlich bekannt im Ort.“ Der Täter von damals wurde erst in der vergangenen Woche zu neun Jahren Haft verurteilt: Mathias B. hatte im Juli einen 23-Jährigen nach einem Streit auf dem Bahnhof Nauen mit mehreren Messerstichen getötet. Ebenfalls im Juli war in einer Nauener Gaststätte auch ein 22-Jähriger erstochen worden.

„Hier wird jedes Wochenende randaliert“, sagt ein Vietnamese, der seit 15 Jahren in Nauen lebt und einen kleinen Asia- Imbiss betreibt. Nein, Rechtsradikale seien das nicht, einfach nur junge Leute, die keine Arbeit hätten, aber jede Menge Spaß an Zerstörung. Er hat sein Geschäft mit Gittern und Eisenstangen gesichert, was aber wenig genutzt habe – mittlerweile sind seine Fensterscheiben längst aus Kunststoff. Ein paar Azubis dagegen meinen: „Man darf doch keinen Menschen erschießen, nur weil der eine Scheibe kaputt macht. Wir sind doch hier nicht in Amerika.“ Ein älterer Herr, der vor dem Bahnhof auf Bekannte wartet, sieht das anders: „Ich finde es gut, dass jemand mal den Mut hatte, gegen diese Randalierer vorzugehen.“ Hier würden fast jede Nacht Fahrräder demoliert, Scheiben zertrümmert, Papierkörbe umgekippt. „Das ist ein richtiger Volkssport geworden“, schimpft der Mann. „Und wenn in Nauen Disco ist, traut sich kein anständiger Mensch mehr auf die Straße.“

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