Der Tagesspiegel : Die Überraschungskiste

Die Mauer ist noch nicht Geschichte: Anne Biel fand jetzt unterm Dach Spuren der Stasi

Lothar Heinke

Maria Nooke vom Dokumentationszentrum Berliner Mauer in der Bernauer Straße macht es spannend. Es sei ein interessanter Fund, der ihr da gemeldet wurde. Er beweise: „Auch noch 16 Jahre nach dem historischen Ereignis am 9. November 1989 gibt es Überraschungen, vielleicht neue Erkenntnisse.“

Anne Biel, eine junge Architektin, wohnt im vierten Stock des Hauses Wolliner Straße 48. Das Gebäude stand an der Mauer in der Bernauer Straße. Heute ist es restauriert. Die einstigen Mieter sind weggezogen, Anne Biel hat die Idee, das Dachgeschoss auszubauen. Wer die Dachluke hochschiebt und eine Kiste findet, auf die er sich stellt, hat eine wunderbare Aussicht. „Aber das eigentlich Seltsame hier oben steht hier“, sagt die Architektin und klopft an einen Stahlverschlag, über und über mit Rost bezogen, fast zwei Meter hoch und breit. Die schwere Tür quietscht, im halbdunklen Inneren der Eisenhütte sieht man die Umrisse eines schmalen Fensters, das nachträglich in die Giebelwand gebaut wurde. Ringsum auf dem Boden sind Bretter ausgelegt und ein Geländer montiert. „In dem Schrank fanden wir Farb-Negativfilm-Packungen, ein „ND“ von 1981, ein halbnacktes Pin-up-Girl aus der ,Armeerundschau’.“ Also nichts Besonderes.

Wurde der Stahlschrank nach dem Mauerbau als Schutzraum für die Grenzer aufgebaut? Wurde von hier aus die Bernauer Straße fotografiert? Gab es Sender? Abhöranlagen? „Vielleicht hatten sogar die Sowjets ihre Spezialisten hier oben stationiert“, sagt Maria Nooke, die gerade in Moskau war und dort erfahren hat, „dass die Russen in die Befehlsstrukturen an der Grenze stärker involviert waren als bisher angenommen“.

Auch die Swinemünder Straße läuft auf die Bernauer zu, auch im Giebel des Hauses Nummer 20 ist ein Extra-Fenster im Dachstuhlbereich eingebaut. Und auch hier steht so ein Verschlag davor.Darin befinden sich noch Holzlatten, auf die man sich stellen kann, um aus dem Fenster auf den Grenzstreifen zu schauen. Ein 72-jähriger Mann, der seit 45 Jahren direkt unter dem Dachboden wohnt, erzählt, dass der Verschlag wenige Monate nach dem Mauerbau errichtet wurde, vermutlich als zusätzliche Abgrenzung für den Beobachtungsposten. „Hier haben die Diensthabenden mit ihren Leuten im Westen kommuniziert“, vermutet der Ohrenzeuge, der zumindest mitbekam, wenn sich „hohe Offiziere und Oberleutnants“ auf dem Dachboden direkt über seiner Wohnung zu schaffen machten, ein- bis zweimal die Woche.

Eine der beiden Hütten hat sich Maria Nooke für das Dokumentationszentrum Berliner Mauer gesichert – was noch fehlt, sind Erinnerungen und Auskünfte von Zeitzeugen, einstigen DDR-Grenzsoldaten oder -offizieren, über Sinn und Zweck dieser Stahlkisten hoch über der Mauer, an einem künstlich geschaffenen Aussichtspunkt, von dem aus der Blick hinüber in die andere Welt ging. Wer mehr weiß: Der Verein Berliner Mauer hat die Tel. 4641030.

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