Der Tagesspiegel : Dieser Rücktritt lässt keinen kalt

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Von Sandra Dassler

Cottbus. „Vor allem bei den älteren Bürgern werden Tränen fließen“. Peter Pollak wartete gestern wie viele Einwohner des Cottbuser Stadtteils Sachsendorf auf jenen Mann, der nicht mehr lange Ministerpräsident des Landes sein wird. Die Sachsendorfer feierten am Wochenende ihr Stadtteilfest. Stolpe ließ es sich nicht nehmen, dabei zu sein und die Nachricht von seinem geplanten Rücktritt verdrängte sogar die Diskussionen über die Fußball-Weltmeisterschaft.

Sachsendorf ist Stolpes Wahlkreis und hier würde er – sagt der Vorsitzende des Bürgervereins, Peter Kriening – auf jeden Fall wieder gewählt. Wenn er denn wieder antritt. Die Sachsendorfer haben Manfred Stolpe einiges zu verdanken. Er hat hier Bürgersprechstunden abgehalten, zugehört und versucht zu helfen. Denn die DDR-typische Plattenbausiedlung hat viele Einwohner verloren. Die blieben, stellten einiges auf die Beine – auch mit Unterstützung aus Potsdam. Und sie hatten gestern viele Fragen. „Ich möchte den wahren Grund für den Rücktritt erfahren“, sagt die parteilose Lehrerin Martina Teunert, „denn ich glaube nicht, dass Stolpe kneift, weil es jetzt einige Schwierigkeiten mit dem Lausitzring oder Cargolifter gibt. Da hat er schon schlimmere Zeiten überstanden. “ Der Rücktrittsmeldung, erzählt Martina Teunert, sei so überraschend gekommen, dass sie es noch immer nicht richtig begriffen habe. Aber generell sei es gut, rechtzeitig für einen Generationenwechsel zu sorgen: „Veränderungen müssen ja nichts Schlechtes sein und Stolpe hat sich das sicher gut überlegt.“ Das glaubt auch die Sparkassenangestellte Sonja Platz: „Ich bin trotzdem traurig. Stolpe ist einfach ein sympathischer Mensch. Eine Ära geht zu Ende.“

Wie die Sachsendorfer reagieren Menschen in ganz Brandenburg: alle überrascht, viele bedauernd und manche hämisch: „Der Platzeck wird für mich genauso wenig machen wie vorher der Stolpe“, sagt eine Potsdamerin im Radio. „Solche Stimmen gibt es auch in Sachsendorf“, weiß Peter Kriening: „Aber die wenigen, die so denken, sind jene, die selbst nichts tun und immer auf ,die da oben’ schimpfen.“

Der Bischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg, Wolfgang Huber, der viel Respekt vor Stolpes Entscheidung, vor allem aber auch vor seiner Leistung als Ministerpräsident hat, sieht das als Chance: „Viele haben nach dem Ende der DDR eine Identifikationsfigur gebraucht: der so genannte Landesvater war eine Projektion der Menschen auf Stolpe. Er ist damit geschickt und zum Wohle des Landes umgegangen. Aber es kann nur gut sein, wenn diese Projektion einem Politikerbild weichen muss, dass besser zu einer Demokratie passt, weil es die gemeinsame Verantwortung von Regierenden und Regierten betont.“

Den Bischof erreichte die Nachricht übrigens in Bayern, wo er sich aus Anlass des 90. Geburtstag von Carl Friedrich von Weizsäcker aufhielt. Auch dort erzählt er, habe der Rücktritt des dienstältesten Ministerpräsidenten keinen kalt gelassen.

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