Der Tagesspiegel : Ein Dorf wird verkauft

Claus-Dieter Steyer

Liebenberg. "Schulungszentrum" heißt das Zauberwort, das Liebenberg aus seiner jahrelange Lethargie reißen soll. Das Örtchen, auf halber Strecke zwischen Berlin und Templin gelegen, gehört in seiner Gesamtheit einer Bank, der Deutschen Kreditbank (DKB). Ein Immobilienbesitz, der einmalig in Deutschland sein dürfte: Rund 1500 Hektar Wald, Felder und Grünflächen, dazu Gutshöfe, ein echtes, wenn auch heruntergekommenes, Schloss und als Krönung sogar eine Kirche. Am Wochenende verrieten die Bankiers der (DKB) auf einem Parkfest erstmals Details ihrer Pläne für Liebenberg. Und die sind nun keineswegs einzigartig: Ein Schulungszentrum entsteht - ganz so wie auf Schloss Neuhardenberg, wo der Sparkassen- und Giroverband ebenfalls Fortbildungs- und Seminarräume errichten lassen will.

"Mit einer Kirche hatten wir nun beim besten Willen nicht gerechnet, als wir uns vor einigen Monaten erstmals in Liebenberg engagierten", sagte Oliver Kahn, Projektleiter der Banktochter DKB-Wohnen. "Aber sie gehörte nun einmal zum Gesamtpaket und wird jetzt wieder von einer Kirchengemeinde genutzt." Im Mittelpunkt der Baumaßnahmen stehe aber das Schloss, das Zentrum der Fort- und Weiterbildungsstätte für die Bank und andere Unternehmen werde. Ende nächsten Jahres solle es als Unterkunft für bis zu 80 Gäste zur Verfügung stehen. Die Originalfassade von 1907 mache das Gebäude dann auch wieder als Schloss erkennbar. Die Tagungen fänden später im früheren Inspektorenhaus statt. Auch das Tee- und das Lindenhaus würden nach dem Plan von Joseph Peter Lenné restauriert. Einen "zweistelligen Millionenbetrag" werde die Bank in Liebenberg investieren.

Die 280 Einwohner von Liebenberg zeigen sich angesichts der neuen Entwicklungen "vorsichtig optimistisch. "Endlich passiert was", sagt ein älterer Mann am Stammtisch des Schlossrestaurants, der den schlechten Zustand vieler Wohnungen in Liebenberg beklagt. "Bisher sind wir doch nur veräppelt worden. Vielleicht erleben wir die Wende nach zwölfjähriger Verzögerung jetzt auch bei uns." Der Frust hat viele Gründe - liegt aber auch in der besonderen Geschichte des Ortes begründet. Im Zuge der Bodenreform waren die letzten Bewirtschafter von Schloss und Gut Liebenberg, die Familie zu Eulenburg und Hertefeld, enteignet worden. Per Befehl der Sowjetischen Militäradministration erhielt die SED das gesamte Areal. Es entstand ein Muster- und Versuchsgut. Die Kirche wurde geschlossen, während die Parteiführung im von der Außenwelt abgeschieden gelegenen Seehaus ein luxuriöses Domizil einrichtete. 1990 trennte sich die PDS von Liebenberg. Eine Umweltstiftung folgte und scheiterte mit ihren Plänen. Auch der Treuhandanstalt brachte das Dorf kein Glück, sondern nur schlechte Schlagzeilen. "Ein ganzes Dorf und seine Einwohner werden verkauft", titelte ein amerikanisches Blatt als Reaktion auf eine Anzeige der Treuhand, mit der weltweit Käufer gesucht wurden. Die Einwohner erfuhren von dem geplanten Coup erst aus der Zeitung.

Später fehlte es zwar nicht an Interessenten und abenteuerlich wirkenden Plänen, doch sie fielen sämtlich bei den Einwohnern durch. Erst die Abteilung Wohnen der Landesentwicklungsgesellschaft LEG versprach Hoffnung. Doch auch sie geriet in finanzielle Schwierigkeiten, wurde an die Deutsche Kreditbank verkauft, die so den Ort übernahm.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben