Der Tagesspiegel : „Ein Park ist wie ein Theaterstück“

Michael Seiler geht in den Ruhestand. Seit 1993 hütete er die Gärten der Schlösserstiftung – und hält Eintrittspreise für nötig

Claus-Dieter Steyer

Potsdam - Das Arbeitszimmer des Gartendirektors in seiner Residenz am Fuße von Sanssouci entspricht nicht ganz den Erwartungen. Denn bei dieser einzigartigen Lage vermutet der Besucher natürlich eine freie Aussicht auf die Weinbergterrassen und das im Licht der Herbstsonne glänzende Schloss. Doch Professor Michael Seiler schaut von seinem Schreibtisch nur in den Innenhof des Gebäudes. Den schönen Blick haben die Mieter in der Wohnung nebenan – die meist an pensionierte Gärtner und deren Familien vergeben wurde.

„Vor zwei Jahren habe ich mal versucht, ins gegenüberliegende Haus zu ziehen“, erzählt Seiler, der Herr über das mehr als 700 Hektar große Gartenreich der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten. „Aber es wäre ungerecht, einer einzigen Person diesen Ausblick aufs Schloss zu gönnen. Denn da hätten mehrere Mitarbeiter der Stiftung ausziehen müssen. Vielleicht unternimmt mein Nachfolger einen erneuten Versuch.“

Die Arbeitstage von Michael Seiler sind gezählt. Am 5. November ist er 65 Jahre alt geworden, am heutigen Dienstag wird er mit einem Festakt in der Orangerie von Schloss Charlottenburg in den Ruhestand verabschiedet. Dann bleiben ihm noch einige Tage zum Aufräumen. In den elf Jahren, in denen er der Gartendirektion der Stiftung vorstand, hat sich allerhand angesammelt. Schließlich fehlte es in der Zeit seit 1993, als er das Amt des Gartendirektors übernahm, nicht an aufregenden Momenten, spannenden Entscheidungen, ärgerlichen Zeitgenossen und spektakulären Eröffnungen.

Die durch die Mauer getrennte Gartenlandschaft von Berlin und Potsdam wurde wieder eins. Landschaftsarchitekten gruben buchstäblich die historischen Wege in den Parks wieder aus. Ehemals zerstörte oder vernachlässigte Anlagen wie in Caputh, Babelsberg, im Neuen Garten, Oranienburg, Königs Wusterhausen, Rheinsberg oder selbst im Park Sanssouci lassen heute nur noch für den Fachmann die Wunden von einst erkennen. Seiler, seit 1979 Oberkustos der (West-Berliner) Pfaueninsel, kannte die meisten Gärten jenseits der Mauer bereits vor der Wende. Seine ältesten Dias von Sanssouci stammen aus dem Jahre 1976. Er hatte immer gute Kontakte zur den DDR-Kollegen. „Ich konnte mir viele Dinge ansehen und schätzte die Arbeit der Gartenpfleger, die allerdings nie zu uns kommen konnten.“ Manchmal habe er einfach nur deren Mut bewundert – wie sie beispielsweise die Wege im Park Babelsberg bis unmittelbar an die Sperranlagen der Grenze gepflegt hätten. Das sei schon Provokation gewesen.

Seine eigene Begeisterung für große Landschaftsgärten entdeckte der heute weltweit anerkannte Fachmann erst auf Umwegen. Er studierte Vermessungstechnik und war bald von der Genialität der alten Gartenbaumeister von Lenné bis Pückler angetan. Doch erst nach einer Vorlesung über Gartengeschichte des einstigen im vergangenen Jahr verstorbenen Direktors der Berliner Schlösser und Gärten, Martin Sperlich, wusste Seiler: „Ich mache die Welt der Gärten zu meinem Beruf.“ Er hat seine Entscheidung nie bereut. „Leider schätzen heute viele Menschen den Wert eines großen Landschaftsparks nur ungenügend“, meint Michael Seiler. „Sie wissen einfach viel zu wenig.“ Er vergleicht einen solchen Park mit einem Theaterstück. Immer wieder gebe es auf den Wegen neue Eindrücke. Bei seinen Rundgängen und Führungen hat er immer kleine Notizkarten in der Jackentasche. Es wäre doch zu schade, einen verblüffenden Gedanken oder eine treffende Formulierung einfach zu vergessen. Und weil der Garten ein Kunstwerk sei, hätten auch Radfahrer und Jogger etwa im Park Sanssouci oder Badende im Heiligen See des Neuen Gartens nichts zu suchen.

„Gärten sind zum Gehen gemacht“, sagt er. „Hier soll der Besucher Eindrücke sammeln, Inspirationen finden und sich an der Genialität der Wegführung und der Sichtachsen begeistern. Das Wort Gedankengang kommt schließlich von Gehen.“ Da seien vor allem Radfahrer ärgerlich.

Nicht zuletzt wegen dieser Gruppe befürwortet der Gartendirektor auch einen angemessenen Eintrittspreis in die königlichen Gärten. Er wünscht sich eine Art „Schutzgebühr“ oder einen „Achtungszoll“ – aber nicht so hoch, dass die Preise jemanden aussperrten. Arbeitslose könnten beispielsweise eine zehn Euro teure Jahreskarte erhalten.

„Aber wir brauchen einfach Geld für die Gartenpflege und vor allem für gut ausgebildete Aufseher“, erklärt Seiler. „Die müssten mit den Besuchern reden, sie auf die Schönheiten aufmerksam machen und Störer fern halten.“ Außerdem sei in der heutigen Gesellschaft die Meinung weit verbreitet, dass kostenlose Dinge nichts wert seien. Im Unterschied zu England und Frankreich, wo Eintritte vielerorts die Regel sind, beginne in Deutschland die Anerkennung für Gärtner und Gärten ohnehin erst langsam wieder zu steigen. Ein kluger Mensch, sagt Seiler, lege erst den Garten an und baue dann das Haus: Denn die Pflanzen brauchten viel länger Zeit als das Bauwerk. Das hätten schon die preußischen Könige vorgemacht. Der Weinberg habe schon ein Jahr bestanden, erst danach sei Sanssouci gebaut worden.

In seinem Ruhestand will der Professor einen Wegweiser durch die großen Gärten in Berlin und Brandenburg schreiben. „Es soll kein Audio-Guide wie in Museen und Ausstellungen werden, der alle eigenen Gedanken erstickt“, sagt der jederzeit freundlich lächelnde Gesprächspartner. „Ich will den Menschen nur eine Hilfe geben, das eigene Gartenerlebnis zu finden.“ Ambitionen auf die Wohnung mit dem freien Blick auf Sanssouci hegt er nicht mehr. Die Pfaueninsel, wo ihm als Oberkustos lebenslanges Wohnrecht verliehen wurde, genügt ihm als Wohnstätte. Radfahrer stören dort nicht. Die kommen gar nicht erst auf die Fähre.

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