Der Tagesspiegel : Eine Chance für ungewollte Kinder Eine Franziskanerin umsorgt Schwangere in Not

Sandra Dassler

Schönow - Manchmal erhält Monika Hesse anonyme Briefe, die sie nicht schlafen lassen. Darin berichten ihr Frauen, dass sie ihr Neugeborenes getötet haben. Sie schreiben von den Schuldgefühlen, die sie nicht mehr loslassen, von Scham, Trauer und manchmal auch von ihrer Wut darüber, dass sie damals keinen anderen Ausweg sahen. Sie wollen sich wenigstens einmal das Furchtbare, was sie taten, von der Seele schreiben. Und oft steht in den Briefen: „Hätte es damals schon eine Einrichtung wie die Ihre gegeben, könnte mein Kind leben. Machen Sie weiter!“

Dass sie weitermachen wird, steht für Monika Hesse außer Frage. Seit 1998 gibt es das „Haus Sonnenblume“ in Schönow bei Bernau. Hier können Frauen während ihrer Schwangerschaft – auch anonym – Zuflucht und Hilfe finden. Hier können sie entbinden und in Ruhe entscheiden, ob sie ihre Kinder behalten oder zur Adoption freigeben wollen.

Monika Hesse ist Franziskanerin. Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus im Eichsfeld, entschied sie sich früh für ein Leben im Kloster – ein ungewöhnlicher Schritt in der DDR. 1991 kam sie nach Berlin und richtete eine Suppenküche in Pankow ein, in der noch heute viele Menschen ein warmes Essen bekommen.

Dass Monika Hesse 1998 das „Haus Sonnenblume“ gründete, hatte mit den Meldungen zu tun, die immer häufiger in der Presse erschienen: „Baby in Toilette ertränkt“, „Ausgesetzter Säugling erfroren“. Die Franziskanerin wollte etwas tun. „Es war wie ein innerer Ruf“, sagt sie.

Gemeinsam mit Gleichgesinnten schuf sie im Laufe der Jahre in Schönow ein Zuhause für Frauen, für die ihre Schwangerschaft eine Katastrophe war. Nie würde Monika Hesse über konkrete Fälle reden, aber sie ist sich sicher: „Jeder Frau kann das passieren.“ Es sind meist gar nicht die jungen Mädchen, die an ihre Tür klopfen, sondern Frauen, die mitten im Leben stehen. „Aber die Schwangerschaft stürzt sie in existenzielle Ängste, oft drohen ihre Partner, sie zu verlassen oder gar zu töten, wenn sie das Kind bekommen“, beschreibt Monika Hesse die Situation der Verzweifelten.

Manchmal passe das Kind auch einfach nicht in die Lebensplanung, weil die Karriere oder das neue Haus wichtiger seien. Dann würde die Schwangerschaft von den Frauen einfach verdrängt. Nicht selten hat Monika Hesse erlebt, dass diesen Frauen erst kurz vor oder bei der Geburt ihr Zustand bewusst wurde. Die Tötung eines Neugeborenen resultiere oft aus der dann entstehenden Panik. Sogar der Körper macht die Selbsttäuschung mit: die Frauen bekommen weiter ihre Regel, sie nehmen nicht zu. „Manchmal kommen Schwangere, bei denen man im achten Monat noch nichts sieht. Wenn sie sich dann hier geborgen fühlen, wächst innerhalb von wenigen Tagen das Bäuchlein.“

Die neunfache Kindstötung von Frankfurt (Oder) hält Monika Hesse für einen Extremfall. Aber auch die von ihr betreuten „normalen“ Notfälle, in die Frauen geraten, müssten ihrer Ansicht nach nicht sein. „Es sind unsere Wertvorstellungen und Beziehungen, die nicht stimmen“, sagt sie. „Wir nehmen den anderen oft gar nicht mehr wahr. Statt hinterher zu fragen ,Wie konnte das geschehen?’ sollten wir vorher fragen ,Wie kann ich Dir helfen?’“

Die Hilfe, die Frauen im „Haus Sonnenblume“ erhalten, verwandelt traurige Geschichten in hoffnungsvolle. Viele Mütter behalten ihre Kinder doch, manche geben sie zur Adoption frei, bleiben aber in Kontakt zu ihnen. Und bislang hat noch keine der Frauen bereut, sich für das Leben entschieden zu haben.

Kontakt „Haus Sonneblume“, Telefon: (03338) 759402 oder im Internet unter www.kinderhaus-sonnenblume.de

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