Fall Ermyas M. : "Ich habe keine Angst"

Die juristische Aufarbeitung des Übergriffs auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. hat begonnen. Zum Prozessauftakt bestritten die Beschuldigten die Tat. Das Opfer war bereits vor der Verhandlung den Tränen nahe.

Potsdam - Die Fragen bringen Ermyas M. aus der Fassung. Seine Stimme versagt, für einen Moment kämpft er mit den Tränen. Der 38-jährige gebürtige Äthiopier mit deutschem Pass steht am Morgen von Kameras umringt im Foyer des Landgerichts Potsdam. In wenigen Minuten beginnt die juristische Aufarbeitung seines Falls, der im vergangenen Frühjahr, kurz vor der Fußball-WM, eine bundesweite Debatte über Fremdenfeindlichkeit ausgelöst hatte. In der Nacht des Ostersonntag 2006 war der Familienvater an einer Tramhaltestelle in Potsdam brutal niedergeschlagen worden.

Ermyas M. erlitt dabei schwerste Kopfverletzungen. Die Ärzte versetzten den lebensgefährlich Verletzten für Wochen in ein künstliches Koma, operierten ihn zwei Mal. Heute geht es Ermyas nach eigenen Worten wieder "sehr gut". Doch wegen der schweren psychischen Folgen befindet sich der 38-Jährige immer noch in Therapie. Sein Anwalt Thomas Zippel sagt: "Er ist hochgradig traumatisiert und hat die Sache noch nicht verarbeitet."

Es gibt nur "diffuse Bilder"

"Es ist wichtig für mich, dass der Prozess jetzt beginnt", sagt der groß gewachsene Mann und fügt hinzu: "Ich habe keine Angst." Dass er seine Angreifer wiedererkennt, ist allerdings unwahrscheinlich. Er kann sich kaum an die Tat erinnern. Zippel betont, es gebe nur "diffuse Bilder".

Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf Zeugenaussagen, einen Mailbox-Mitschnitt auf dem Handy der Frau des Opfers sowie DNA-Spuren vom Tatort. Sie wirft dem 29 Jahre alten Björn L. aus Wilmhelmshorst gefährliche Körperverletzung vor. Der 31-jährige Thomas M. aus Potsdam muss sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten. Zudem wird beiden Verdächtigen Beleidigung vorgeworfen.

"Synonym für eine ausländerfeindliche Tat"

Nach Darstellung der Ankläger sind sich das spätere Opfer und die beiden Beschuldigten am Ostersonntag gegen 3:50 Uhr an der Haltestelle begegnet. Ermyas habe sich offenbar bedrängt gefühlt und gesagt: "Ey, geh mal andersrum." Bei einem folgenden Streit seien unter anderem die Wörter "oller Nigger" und "Scheiß-Nigger" gefallen. Dann sollen sich Björn L. und Thomas M. abgewendet haben. Doch Ermyas soll ihnen gefolgt sein und versucht haben, Björn L. in das Gesäß zu treten. Daraufhin soll dieser sich umgedreht und Ermyas mit voller Wucht ins Gesicht geschlagen haben.

Ermyas hatte in der Tatnacht versucht, seine Frau anzurufen, die aber nicht ans Telefon ging. Dafür zeichnete ihre Mailbox einen Teil des Streits auf. Zeugen wollen auf dem Mitschnitt die Stimme von Björn L. erkannt haben. Der beklagte, dass sein Name nun "als Synonym für eine ausländerfeindliche Tat" stehe.

Als Übergriff mit rassistischem Motiv hatte der Fall zunächst bundesweit Schlagzeilen gemacht. In Potsdam gingen die Bürger auf die Straße und demonstrierten gegen rechte Gewalt, der Generalbundesanwalt erließ zwischenzeitlich Haftbefehl, als die Ermittler zunächst von einem fremdenfeindlich motivierten Mordversuch ausgegangen waren. Doch ließ sich der Tatvorwurf nicht halten.

Angeklagte wollen mit der Tat "nichts zu tun" haben

Die beiden Angeklagten bestreiten zum Prozessbeginn im Saal die Tat. Sie lassen Erklärungen durch ihre Anwälte verlesen. Björn L. betont: "Ich habe mit dem gesamten Sachverhalt nichts zu tun." Er sei während der Tatzeit in der Wohnung seiner Eltern in Wilhelmshorst gewesen. Das Opfer kenne er nicht, sagt aber trotzdem, es tue ihm "aufrichtig leid", was Ermyas M. passiert sei. Der 29-Jährige ergänzt: "Ich lehne Gewalt ab." Er sei "bestürzt", dass er in eine ausländerfeindliche Ecke gestellt werde. Sein Leben habe sich dadurch grundlegend verändert. Der Schaden sei nicht reparabel.

Auch Thomas M. lässt verlesen, er habe mit der Tat "nicht das Geringste zu tun". Er sei weder am Tatort gewesen noch kenne er das Opfer, auch Björn L. sei ihm nur flüchtig bekannt. Er selber sei ebenfalls nicht rassistisch. Infolge der Vorwürfe sei "sein Leben aus den Fugen geraten". So sei er als Kranken- und Behindertenfahrer gekündigt worden.

Opfer-Anwalt Zippel betont dagegen: "Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine fremdenfeindliche Motivation." Sein Mandant verfolgt die Erklärungen äußerlich gefasst, macht sich Notizen. Nach nicht einmal einer halben Stunde ist der erste Prozesstag vorbei. Am Freitag steht der für das Opfer vielleicht schwierigste Verhandlungstag bevor. Dann sollen Ermyas M. und seine Frau Steffi gehört werden. Ein Urteil wird Ende April erwartet. (Von Susann Fischer, ddp)

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