Der Tagesspiegel : Feierabend von früh bis spät

Der Bierdurst der Deutschen lässt nach? Nicht in Messehalle 11.2

Moritz Honert

Das Zeug muss ein Wundermittel sein. Schließlich, so behautet das alte Werbeposter an der Wand des Messestandes des Deutschen Brauer-Bundes, helfe das Getränk nicht nur bei Überarbeitung und Nervosität, sondern entspanne auch verkrampfte Leute. Wen wundert da das großlettrige Fazit: „Bier ist gut … sagt der Arzt“. Auf solch einer Grundlage muss es fraglich bleiben, wieso die Deutschen heute weniger von dem „Tonikum“ trinken als etwa vor zehn Jahren. Laut Statistischem Bundesamt ist hierzulande der durchschnittliche Jahresverbrauch eines jeden potenziellen Biertrinkers – also jedes Deutschen über 15 Jahre – seit 1991 von rund 169 Litern kontinuierlich auf knapp 130 Liter im Jahr 2005 gesunken. Lediglich 2006 gab es dank der Fußball- WM und dem heißen Sommer wieder einen leichten Zugewinn.

Kai Schürholt, den 1000 Bierflaschen an seinem Stand umringen, ist jedoch nicht allzu optimistisch. „Der WM haben wir wohl nur einen Mehrverbrauch von ungefähr einem Prozent zu verdanken“, sagt er. Als Sprecher des Deutschen Brauer-Bundes vertritt er „gut 95 Prozent des deutschen Bieres“.

Rund 5000 verschiedene Marken, hergestellt in fast 1500 Braustätten, gibt es im Land des Reinheitsgebots. Den gestiegenen Verbrauch als Zeichen für einen generellen Umschwung deuten möchte Schürholt nicht. Der klassische Biermarkt gilt dem Doktor der Theologie als weiterhin rückläufig. Wirklich „lebensbedrohlich“ sei die Lage für die Brauer jedoch nicht. Schließlich würde der Markt für Biermixgetränke wachsen und auch der Export von deutschem Bier in die Welt nehme stetig zu – von rund 3,3 Millionen Hektoliter im Jahr 1997 auf knapp 3,9 Millionen im Jahr 2005. Ebenso steige die Anzahl der Kleinbrauereien, die mit saisonalen Angeboten ihre Nische fänden. „Es gibt also neue Ideen“, sagt er.

Kategorisch ausschließen wollte Schürholt für die Zukunft nur eines: ein Abrücken vom deutschen Reinheitsgebot. Darüber hatte kürzlich die Bitburger Brauerei aufgrund steigender Rohstoffpreise nachgedacht. Die Kosten für Braugerste hätten sich aufgrund einer schlechten Ernte verdoppelt, die für Malz gar vervierfacht, sagt Schürholt.

Gründe, warum der Pro-Kopf-Verbrauch der deutschen Biertrinker heute geringer ist als früher, glaubt Wolfgang Veith zu kennen. Am Stand neben dem Brauer-Bund schenkt er Kölsch aus. Eine nicht immer leichte Aufgabe in einer „ausgesprochenen Pils-Region wie Berlin-Brandenburg“, weiß Veith, der die Spezialität aus dem Rheinland seit 25 Jahren an die Spree schafft. Für den gesunkenen Bierdurst macht er zwei Gründe verantwortlich: „Zum einen steigt das klassische Einstiegsalter stetig an“, sagt er. „Parallel dazu verschwindet der klassische Feierabendbiertrinker.“

Mit dem Umsatz auf der Grünen Woche ist er trotzdem zufrieden. Überhaupt merkt man von der statistisch belegten schwindenen Nachfrage wenig in Halle 11.2. „Sie sehen doch, dass der Laden brummt!“, kommentiert ein beschäftigter Schankwirt den Durst der Messebesucher.

Dass in den Hallen weniger getrunken wird, können auch die beiden jungen Frauen nicht bestätigen, die zwischen den Ständen auf „Promillstreife“ gehen und Alkoholtests anbieten. „Die Leute, die sich von uns haben testen lassen, hatten alle mindestens ein Promille im Blut.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben