Der Tagesspiegel : Fidus, der Bürgerschreck

Am Wegesrand: Jugendstilmaler Hugo Höppener, genannt Fidus, lief mit Baumwollgewändern und barfuß umher – sein Haus in Woltersdorf war ein Treff von Freidenkern

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Am 16. November 1888 verurteilte das königlichbayerische Landgericht München den Naturphilosophen Karl Wilhelm Diefenbach und seinen Schüler Fidus (der Getreue) wegen „Unsittlichkeit durch Entblößen der Geschlechtsteile“. Das, was das Schöffengericht als „Schweinerei“ bezeichnete, regt heute allerdings niemanden mehr auf. Meister und Schüler hatten sich im Garten des Hauses in Höllriegelskreuth hüllenlos gesonnt. Da der Garten von Buschwerk umgeben war, musste sich der anzeigende Gendarm durch Gestrüpp anpirschen, um die „Unsittlichkeit“ wahrzunehmen.

Beide Missetäter erhielten mehrwöchige Haftstrafen, Fidus noch zwei Tage Extra-Haft wegen „Achtungsverletzung“, da er barfuß im Gericht erschienen war.

Fidus wurde als Hugo Höppener 1868 in Lübeck geboren. Die Eltern schickten ihn auf die Kunsthochschule nach München, wo er sich dem Freundeskreis um den Maler Karl Wilhelm Diefenbach, einem Vorkämpfer der Lebensreform-Bewegung anschloss. Freikörperkultur, Vegetarismus und Naturheilkunde gehörten dazu. So wanderten Naturapostel Diefenbach und Schüler Fidus mit wallenden Haaren, Baumwollgewändern und barfuß umher – zum Entsetzen der wilhelminischen Gesellschaft.

In Berlin traf sich Fidus mit Gleichgesinnten in der Wohnung eines Mitbegründers der Theosophischen Vereinigung, die Rudolf Steiner seit 1902 leitete. Nun illustrierte er auch die Zeitschrift „Sphinx“ und zeigte das Ideal des neuen Menschen: schlanke, meist nackte Knaben und Mädchen. 1907 bezog er in Woltersdorf als angesehener Jugendstilmaler ein Atelierhaus, das sich zum Treff von Künstlern, Reformern und Freidenkern entwickelte. Seit er jedoch ab 1932 Gefallen an Hitlers Ideen fand, war er umstritten. Fidus starb 1948. Sein Haus in der Köpenicker Straße 46 steht derzeit leer und soll verkauft werden (Foto aus „Fidus“, Rogner&Bernhardt bei Zweitausendeins-Verlag). cps

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