Flugzeugabsturz nahe Schönefeld : Ursache des Unglücks wurde verschwiegen

1986 stürzte bei Schönefeld ein Passagierflugzeug ab. Eine Tafel soll nun an die Toten erinnern.

Claus-Dieter Steyer

Berlin/Schönefeld - In dem kleinen Wald am Rande von Bohnsdorf vermag der Laie den Ort der Katastrophe, die sich dort vor mehr als 21 Jahren ereignete, nicht mehr genau zu lokalisieren. Allenfalls Förster könnten das unterschiedliche Alter der Kiefern auffällig finden. Am 12. Dezember 1986 war bei dem mit 72 Toten zweitschwersten Flugzeugunglück der DDR fast parallel zur Straße Richtung Flughafen Schönefeld eine breite Schneise in den Wald gebrannt worden. Aber die Natur hat sich die Unglücksstätte längst zurückerobert.

Die Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick hat nun, wie berichtet, einen parteiübergreifend angenommenen Beschluss gefasst: Künftig soll an einem Waldweg eine Gedenktafel an die Opfer des Absturzes erinnern. Ein Ausschuss soll den genauen Ort sowie – in Zusammenarbeit mit Überlebenden – Gestaltung und Aufschrift klären.

Der Absturz der Maschine vom Typ Tupolew Tu-134 blieb vielen Menschen im Osten vor allem dadurch in Erinnerung, dass sich unter den Toten auch 20 Schüler einer zehnten Klasse aus Schwerin befanden, die aus der weißrussischen Hauptstadt Minsk zurückkehrten. Auch ihre Lehrerin und die beiden Betreuer wurden getötet. Nur zehn der 82 Menschen an Bord überlebten das Unglück, darunter sieben Schüler aus jener Klasse der Ernst-Schneller-Oberschule. In der Landeshauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern erinnert kein Gedenkstein an die Tragödie. Zu deren 20. Jahrestag ließ die Stadtverwaltung aber wenigstens weiße Rosen auf die Gräber niederlegen.

Für den Absturz in der Nähe des Schönefelder Flughafens gab es mehrere Erklärungen. Eine Regierungskommission unter Leitung des Generaldirektors der Interflug, Generalleutnant Klaus Henkes, fand schnell eine Lösung: „Der Pilot hat die Landebahn zu tief angeflogen“, hieß es in DDR-Zeitungen. Die Maschine sei mit den Baumwipfeln bei Bohnsdorf kollidiert, wodurch die rechte Seite des Flugzeuges aufgerissen wurde. Wenig später krachte die Maschine auf die Erde, so dass die Treibstofftanks explodierten.

Doch den Grund für den Fehler des Piloten, der den Absturz genau wie die anderen acht Besatzungsmitglieder nicht überlebte, gab die Regierungskommission erst im April 1987 in einem internen Dokument zu Protokoll. Danach soll der Kapitän rechts und links verwechselt haben. Obwohl der Schönefelder Tower der Maschine die rechte Landebahn zugeteilt hatte, flog sie die linke an. Der Pilot habe im letzten Moment versucht, den Fehler zu korrigieren und die Tu-134 nach rechts zu ziehen. Aber da war die Maschine schon zu niedrig.

Sowjetische, nach der Wende geöffnete Archive offenbarten eine Variante: An Bord nahm ein Flugoffizier dem Piloten eine Prüfung bei geringen Sichtverhältnissen ab. Das habe den 53-Jährigen in hohe Aufregung versetzt und so dessen Handlungen durcheinandergebracht.

Auffallend ist, dass beide Varianten sich auf einen menschlichen Fehler konzentrieren. Die Technik wurde weder von der DDR noch der Sowjetunion in Frage gestellt, obwohl die Tu-134 als veraltet galt. Kurz vor der Explosion bei Bohnsdorf hatte es bereits drei schwere Unglücke mit diesem Typ gegeben. Da damals die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl erst wenige Monate zurücklag, musste wohl der Pilot der Sündenbock sein.

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