Flut in Brandenburg : Das Wasser steigt - und die Spannung

Alle schauen gebannt auf den steigenden Hochwasser-Pegel an der Oder-Neiße-Mündung. Entspannte Anwohner erzählen faszinierten Touristen vom Jahr 1997.

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Routine in Brandenburg: Wenn das Wasser wieder steigt.
Routine in Brandenburg: Wenn das Wasser wieder steigt.Foto: dpa

Ratzdorf - Die Gastwirtschaft „Kajüte“ in Ratzdorf macht an diesem Pfingstwochenende möglicherweise den stärksten Umsatz in ihrer 183-jährigen Geschichte. Denn ihre Lage gegenüber dem berühmten Pegelhäuschen am Zusammenfluss von Oder und Neiße lässt Neugierige aus nah und fern nach dem „Hochwassergucken“ in den Biergarten unter Bäumen oder in den gemütlichen Gastraum mit großen Tischen und bequemen Sofas einkehren. Auf dem Plattenteller dreht sich die Scheibe mit verträumten Liedern von Leonard Cohen, während Touristen beim Blick auf den steigenden Fluss Infos und Gerüchte über die Kraft der Natur austauschen: „Sagenhaft, dass der Pegel noch anderthalb Meter ansteigen soll“, meint Carola Heine, die am Sonnabend mit ihrer Familie extra aus Berlin an die Oder gereist ist. „Aber die Hochwassermarkierung am großen Baum am Deich aus dem Jahre 1997 überragt uns ja auch noch um 30 Zentimeter.“

Gestern zeigte die elektronische Anzeige am Pegelhäuschen 4,37 Meter. „Wir haben noch viel Platz“, erzählt Manfred Budras, der auf der anderen Seite der Straße zum Oderdeich im Garten seines Hauses den Kaffeetisch deckt: „Beim Hochwasser vor 13 Jahren stand die Anzeige bei 6,89 Meter. Aber da war die Elektronik ausgefallen, in Wahrheit lag der bisherige Höchststand bei 6,92 Metern.“ Damals war sein gerade vier Monate zuvor bezogenes Eigenheim völlig abgesoffen. Nur über notdürftig zusammengezimmerte Planken konnte er seine Haustür erreichen. Trotz der inzwischen erfolgten Renovierung ist die Linie des damaligen Hochwassers im Haus noch immer auf den ersten Blick zu erkennen.

„Aber der neue Deich hält, da habe ich diesmal überhaupt keine Zweifel“, sagt Budras, der vielen Neugierigen von der unvergessenen Dramatik im Sommer 1997 erzählen muss. „Sechs Meter tief reicht die Barriere aus Flüssigbitumen in das Erdreich. Da drückt kein Wasser durch. Und auf dem Deich können im Notfall noch Stahlplatten montiert werden.“

Im Dorf ist die Stimmung noch geteilt. Jahrelang wurde über den Bau des Schutzdeiches heftig gestritten. Mehrere Anwohner wollten sich den freien Blick auf die Oder nicht durch einen Damm nehmen lassen und schalteten einen Anwalt ein. Erst als das Landesumweltamt mit ihrer Enteignung drohte, willigten die Querulanten notgedrungen ein. Rund eine Million Euro kostete schließlich der einen Kilometer lange Erdwall, der stellenweise einige hundert Meter vom Ufer ins Landesinnere verlegt wurde.

Damit dürfte das 350 Einwohner zählende Ratzdorf, in dem die letzte Oderflut 1997zwölf Gehöfte unter Wasser setzte, sicher sein. „Wir bekommen aber bestimmt noch anderthalb Meter dazu“, prognostiziert auch der Präsident des Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude am Fuße des Pegelhäuschens. „Dann würden unsere Nasenspitzen jetzt unter Wasser stehen.“

Unter den Hochwassertouristen in der „Kajüte“ macht die Geschichte vom „Michael-Jackson-Spielplatz“ am anderen Dorfende die Runde. Der Popstar hatte nach der Katastrophe vor 13 Jahren 32 000 Mark für den „Kindergarten in Ratzdorf“ gespendet. Aber es gab im Dorf gar keine Kita. Die Gemeindeverwaltung wollte die Spende nicht ungenutzt lassen, schaltete schnell und – und richtete blitzschnell einen öffentlichen Spielplatz ein.

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