Der Tagesspiegel : Frankfurt/Oder: Ein Haus zum Experimentieren

Christian F. Hirsch

Früher war ein 100 Meter langer Hausflur toll. "Da konnte man Rollschuh fahren", sagt Wolfgang Müller, Geschäftsführer der Frankfurter Wohnungswirtschaft (Wowi). Heute will niemand mehr Rollschuh im Treppenhaus fahren. Heute sind andere Sachen bei der Wohnungswahl ausschlaggebend, weiß Müller, der 14 168 Wohnungen in der von Leerstand und Verödung gebeutelten Stadt am östlichen Rand der Bundesrepublik verwaltet. Rund 15 Prozent seiner - zumeist - Plattenbau-Wohnungen stehen leer; in manchen Vierteln sind es sogar 30 oder mehr Prozent. Ein möglicher Ausweg: Die "Platte" muss verschönert werden.

Der endlos lange, abstoßende Flur, den Müller beschreibt, gehört zum so genannten "Ex-Bau". Der monotone, kolossale Bau wurde einst im Herzen der alten Hansestadt errichtet. Was zu DDR-Zeiten als sehr fortschrittlich galt, ist inzwischen nicht mehr zu vermieten. "Die Raumaufteilung kommt schlecht an. Die innen liegenden Bäder und Küchen, die Hausaufgänge ohne Fenster bringen uns den Leerstand", beschreibt der Vermietungsexperte die Ursachen für die Vermietungsprobleme, an denen die Plattenbauten allgemein leiden.

Was einmal als Experimentalbau für die industrielle Bauweise der DDR gedacht war, ist zehn Jahre nach der Wende für das Unternehmen wiederum zum Versuchsobjekt geworden. Für 18 Millionen Mark wird der graue, lang gestreckte Block zu einem modernen Wohn- und Geschäftshaus umgestaltet. Die Fachleute haben an ihm ihre Fantasie spielen lassen. Von außen schon weithin sichtbar, unterteilten sie das endlos lange Gebäude und bauten zusätzliche Eingänge ein. "Das ist übersichtlicher und kommt dem Bedürfnis nach kleinen Einheiten nach", erklärt Müller.

Auch Aufzüge sind jetzt vorhanden - ein Muss seit der Wende. Selbst viele sanierte und teuer modernisierte Wohnungen sind ab der vierten oder fünften Etage unvermietbar, wenn ein Lift fehlt, klagen die Unternehmen vielerorts. Oder man entfernt die obersten Geschosse gleich ganz. "Rückbau" nennen die Experten die Methode, um Wohnungen vom Markt zu nehmen. So wurde auch der "Ex-Bau" stellenweise um die obersten Stockwerke erleichtert. "Dadurch wirkt er jetzt aufgelockerter", urteilt Müller. Einige der Wohnungen erhalten einen Dachgarten. "Die sind alle schon vergeben." Zwei übereinander liegende Behausungen werden schließlich zu einer großen "Maisonette-Wohnung" mit Wendeltreppe umgestaltet. Auch diese Maßnahme findet Zuspruch bei Wohnungsuchenden, glaubt Müller: "Das haben wir schon vorher einmal probiert. Da war es ein toller Erfolg."

Um die Wohnungen zu vergrößern und die Küchen mit Fenstern zu versehen, erhalten Teile des Blocks einen Vorbau. Auch die standardisierten Grundrisse der Wohnungen werden verändert, ganz neue Einheiten entstehen. Die Dächer werden begrünt, der ganze Block nach einem bunten "Farbleitplan" gestrichen. Nur noch wenig soll an das frühere graue steinere Ungetüm erinnern. Müller findet, die Experimente lohnen sich.

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