Der Tagesspiegel : Führerscheinprüfung: Dann fahren Sie mal rechts ran ...

Stefan Jacobs

Auf krummen Alleen rast die Jugend, dass einem Himmelangst wird, auf geraden Autobahnen kriechen die Senioren, das andere sich die Haare raufen - die Fahrkunst der Brandenburger ist Stoff für Witze, etwa den, dass das Nummerschild "OHV" für "Ohne Hirn und Verstand" stehe. Dabei ist das gar nicht witzig, sondern ziemlich wahr, wie das Kraftfahrtbundesamt vermeldet.

Laut Statistik fällt in Deutschland niemand so oft durch die Führerscheinprüfung wie die Brandenburger: 40 Prozent der märkischen Kandidaten versagen beim ersten Anlauf; fast doppelt so viele wie in Nordrhein-Westfalen. 32 Prozent der Märker scheitern an der praktischen Prüfung, an der Theorie sogar 45,9 Prozent. Und dass, obwohl - je nach Art der Frage - mindestens eine falsche Antwort erlaubt ist. Brandenburgs Fahrschüler - wirklich "OHV"?

Fahrschulbesitzer Helmut Nickel aus Oranienburg im derart verunglimpften Landkreis Oberhavel nimmt seine Landsleute in Schutz. Erstens würden die Prüfungen "immer anspruchsvoller", und zweitens suchten sich die Prüfer zunehmend schwierige Strecken aus. Das sei allerdings angesichts der vielen Verkehrstoten im Land durchaus gerechtfertigt. Nun ist es aber vor allem die theoretische Prüfung, an der die Kandidaten scheitern. "Das hat dann auch was mit Lernen zu tun. Gerade die jungen Leute denken oft, sie schaffen das nebenbei. Und dann fallen sie bei der Prüfung auf die Nase". Fahrlehrer Harry Hoog aus Werder (Potsdam-Mittelmark) hat beobachtet, dass ausgerechnet Abiturienten besonders oft an der Theorie scheitern. "Vielleicht ist die hohe Quote auch mentalitätsbedingt." Großspurigkeit spiele gerade bei Leuten aus Potsdam eine Rolle, sagt Hoog. Damit seine Schüler auf dem Teppich bleiben, lässt Hoog immer Vorbereitungstests machen. Wer die vergeigt, wird nicht zur Prüfung zugelassen. "Meine Fahrschule reiht sich nicht in die 40-Prozent-Quote ein. Ich schätze, dass wir bei maximal 15 Prozent in der Praxis und 20 in der Theorie liegen." Auf nur zehn Prozent schätzt Lothar Schuster aus Zeesen (Dahme-Spreewald) seine Durchfallquote. Er hält die 40 Prozent für unrealistisch. Auch René Winter aus Ludwigsfelde (Teltow-Fläming) versichert, dass er keine Durchfaller produziert. An die Mentalitätstheorie glaubt er nicht, doch bei manchen Leuten sei schon in der Fahrschule zu ahnen, wie sie später fahren würden: OHV.

Im Kraftfahrtbundesamt ist Brandenburg nicht der einzige auffällige Prüfling: Wie KBA-Sprecherin Angela Bartholmae ihren seitenlangen Statistiken entnimmt, waren es 1994 nur 34,8 Prozent der Brandenburger, die mehrere Versuche brauchten. Diese "steigende Tendenz", so die Sprecherin, sei allgemein "in den neuen Ländern gravierender" als in den alten. Die Berliner Durchfallquote ist übrigens nicht sehr viel besser: 36,9 Prozent.

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