Der Tagesspiegel : Ganz allein gegen das ganze Dorf

Die Kleinower wollen sich gegen den Verkauf eines Grundstücks an Neonazi-Anwalt Rieger wehren. Am Sonnabend trafen sie sich

Dirk Becker

Kleinow – Am Sonnabend ging es vor allem um die richtigen Worte. Die Bürgermeisterin der Gemeinde Plattenburg, zu der Kleinow gehört, hatte zur Bürgerversammlung in das Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr eingeladen. Doch die Halle, in der sonst das Löschfahrzeug steht, reichte nicht aus. Dicht gedrängt standen über 100 Kleinower und Nachbarn aus den umliegenden Dörfern. Ein Fenster wurde geöffnet, damit auch die, die draußen bleiben mussten, die gemeinsame Erklärung der Bürger hören konnten. „Mit Befremden und in größter Sorge haben wir zur Kenntnis genommen, dass der bundesweit bekannte Neonazi-Anwalt Jürgen Rieger plant, eine Immobilie in Kleinow zu erwerben“, las Gudrun Hoffmann, die Bürgermeisterin vor. „Sorge ist das falsche Wort“, rief einer aus den hinteren Reihen. „Wer sich sorgt, der duckt sich.“ Doch in Kleinow wollen sie sich nicht ducken. „Wir sind wütend und werden kämpfen.“ Gudrun Hoffmann strich daraufhin das Wort „Sorge“ und schrieb dafür „Wut“.

Wer am Sonnabend durch Kleinow fuhr, spürte nicht, dass die Einwohner wütend sind. Geschweige denn, dass es überhaupt einen Grund dafür gibt. Auf einer Länge von gut einem Kilometer reihen sich die Häuser der 230 Kleinower an die Dorfstraße. Gepflegte Fassaden, gepflegte Vorgärten, neuer Bürgersteig. Gleich hinter den Häusern beginnen weite Felder. Dörfliche Beschaulichkeit, die man idyllisch nennen möchte. Nur wer genau hinschaute, danach suchte, entdeckte das kleine rote Papier, mit Reißzwecken an ein Schild geheftet, auf dem steht: „Wir fordern: Kein NPD-Schulungszentrum in Kleinow!“ Am Donnerstag war bekannt geworden, dass Jürgen Rieger in dem kleinen Dorf in der Prignitz ein Grundstück kaufen wolle. Angeblich, um dort ein Schulungszentrum für rechte Kader einzurichten.

Wenige Minuten, nachdem die Bürgerversammlung begonnen hatte, zu der auch Brandenburgs Familienministerin Dagmar Ziegler (SPD) und Staatssekretär Burkhard Jungkamp gekommen waren, betraten Norbert Rothhardt und seine Frau die Halle. Ihm gehört das Grundstück mit zwei Baracken und einem zweistöckigen Anbau am Rande Kleinows, für das sich Rieger angeblich interessiert. Der schmächtige Mann mit langen, zu einem Zopf geflochtenen Haaren und kariertem Hemd über schwarzem T-Shirt, war sofort von Kameras umringt. „Ich muss verkaufen“, sagte Rothhardt.

Vor Jahren ist er in die Prignitz gekommen, hat das Grundstück in Kleinow und eines im benachbarten Krampfer gekauft. In Kleinow wollte er ein Ferienlager für Stadtkinder eröffnen. Von diesem Vorhaben wussten die meisten im Ort gar nichts. Rothhardt hat keine Arbeit und lebt nach eigenen Angaben von Kinder- und Erziehungsgeld, das im April ausläuft. Um Hartz IV beantragen zu können, muss er das Grundstück in Kleinow verkaufen. Im Oktober habe er mit Rieger persönlich gesprochen, danach seien die Verhandlungen über eine Interessengruppe gelaufen. Zum Grundstückspreis und dem Stand der Verhandlungen wollte er nichts sagen. Einer Zeitung gegenüber hatte er jedoch gesagt, dass die Interessenten seine finanziellen Forderungen vollständig akzeptiert hätten und es nur noch seiner Unterschrift bedürfe.

„Sie haben doch Kinder“, rief ihm eine Frau entgegen. „Wie können Sie da an die Nazis verkaufen?“ „In meiner Situation kann ich mir keine Skrupel leisten“, sagte Rothhardt. Er wolle noch mal mit seiner Bank reden, ob nicht doch eine andere Lösung gefunden werden kann. Wenig später verließ er die Bürgerversammlung.

Heute wollen sich die Gemeindevertreter treffen, um zu prüfen, welche Möglichkeiten es gibt, den Verkauf abzuwenden. Ob die Gemeinde vom Vorkaufsrecht Gebrauch machen kann. Am Dienstag soll in der Nachbarstadt Perleberg eine Protestkundgebung stattfinden. „Wir wollen zeigen, dass die Rechten in der Prignitz unerwünscht sind“, sagte Bürgermeisterin Hoffmann, die selbst in Kleinow lebt – auch wenn es kaum Fakten über den geplanten Verkauf gibt, aber umso mehr Gerüchte. „In dieser Situation reicht ein Gerücht, um nichts unversucht zu lassen“, sagte Hoffmann.

0 Kommentare

Neuester Kommentar