Genmais : Freilandlabor Brandenburg

Das Anbauverbot für Genmais wurde aufgehoben. Jetzt sollen in der Mark 1500 Hektar bebaut werden - so viel wie nirgendwo sonst. Experten warnen.

Peter Tiede
Genmais
Greenpeace-Aktivisten protestieren gegen Genmais. -Foto: Paul Langrock/Zenit

Potsdam - Brandenburg bleibt Deutschlands größtes Freilandlabor für gentechnisch veränderte Pflanzen: Auch in diesem Jahr wird nirgendwo im Land so viel gentechnisch veränderter Mais auf den Äckern angebaut werden wie in der Mark. Das geht aus dem sogenannten Standortregister des Bundes hervor, bei dem bis Ende Januar alle Anbauflächen für gentechnisch veränderte Pflanzen angezeigt werden müssen. Bis gestern waren beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit mehr als 1500 Hektar Genmaisanbaufläche für Brandenburg gemeldet – etwa 200 Hektar mehr als im Jahr 2007. Deutlich hinter Brandenburg folgt Sachsen mit einer gemeldeten Anbaufläche von fast 1350 Hektar (Vorjahr: 442 Hektar). Bundesweit wollen Bauern, Forschungseinrichtungen sowie Chemie- und Saatgutkonzerne auf 3725 Hektar Genmais ausbringen.

Brandenburgs Agrarminister Dietmar Woidke (SPD) nannte die seit Jahren anhaltende Entwicklung in Brandenburg beunruhigend. Es schade dem mühsam aufgebauten Image des Landes als naturnahem Tourismusgebiet und als Lieferant von ökologischen Nahrungsmitteln. Auch nach Erfahrungen des Agrarmarketingverbands des Landes Brandenburg „Proagro“ schaden die Genmaisversuche einiger Bauern und Agrargroßbetriebe dem Standort: „Das hat weit mehr Auswirkungen, als viele denken“, sagte Proagro-Geschäftsführer Gerd Lehmann. Besonders auf dem Berliner Markt – dem wichtigsten für Brandenburgs Bauern – seien die Bedenken enorm.

Umwelt- und Agrarminister Woidke übte scharfe Kritik an Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU). Dessen Haus habe das im Frühjahr 2007 verhängte Anbauverbot für die einzige in der europäischen Union zugelassene Genmaissorte Mon 810 des US-amerikanischen Saatgutkonzerns Monsanto im Dezember 2007 aufgehoben, ohne dass neue Erkenntnisse vorgelegen hätten.

Im Vorjahr mussten in Brandenburg einzelne Genmaisäcker umgepflügt werden, nachdem das Bundesministerium den Anbau – acht Wochen nach der Aussaat – bundesweit verboten hatte. Begründung damals: Der Genmais stehe nach wissenschaftlichen Gutachten im Verdacht, gesundheits- und umweltschädigend zu sein. Das Bundesamt für Verbraucherschutz hatte es dem Saatgutkonzern damals zur Auflage gemacht, einen sogenannten Monitoringplan vorzulegen. Monsanto sollte damit gewährleisten, dass die Auswirkungen des Genmaisanbaus auf Kleinstlebewesen und die Umwelt genau dokumentiert und überwacht werden. Nach Auffassung des Bundeslandwirtschaftsministeriums sei dies erfolgt – daher die Rücknahme des Anbauverbots im Dezember.

Woidke sieht dies anders: „Es stimmt einfach nicht. Was Monsanto da vorgelegt hat, wird selbst nach Ansicht des Bundesamtes für Naturschutz nicht annähernd den Anforderungen gerecht, und die wissenschaftlichen Studien, wonach der Genmaisanbau gesundheits- und umweltschädigend sei, sind nicht widerlegt – wissenschaftlich sind wir auf genau dem Stand, der im Vorjahr zum Anbauverbot geführt hat.“

Woidke verwies auch darauf, dass das größte europäische Genmaisanbauland Frankreich bei einem Verbot geblieben sei: „Dort sieht man die Gefahr für Gesundheit und Natur weiter als gegeben an.“ Der Monitoringplan Monsantos sei „nichts als weiße Salbe“, die Aufhebung des Anbauverbots unverantwortlich. Aber den Anbau könnten einzelne Bundesländer nicht untersagen – „das kann nur der Bund“, sagte Woidke.

Auch nach Ansicht der Umweltschutzorganisation Greenpeace ist die Aufhebung des Anbauverbotes nicht nachvollziehbar. „Der von Monsanto vorgelegte Monitoringplan ist eine Farce, nicht mehr als eine Link-Sammlung aus dem Internet. Einige der dort aufgeführten Umweltorganisationen, die angeblich Anbau und Auswirkungen dokumentieren sollen, wissen nichts davon“, sagte Stephanie Töwe, Gentechnikexpertin von Greenpeace-Deutschland. Anders als Deutschland sei in Frankreich im Vorjahr eine Expertenkommission eingesetzt worden, die den weiteren Anbau gestoppt habe.

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