Der Tagesspiegel : Groß Schönebeck: "Feierabend ist, wenn der letzte Patient versorgt ist"

Rolf Kremming

Oma hatte es an der Galle, der achtjährigen Enkeltochter piekte der Bauch vom Erbseneintopf, Kater Vladimir hinkte mit der linken Vorderpfote. Für Dr. Schrambke ein fast alltäglicher Hausbesuch nach Praxisschluss. "Als Landarzt bin ich für alle Wehwehchen zuständig. Und manchmal eben auch für die verletzte Pfote des Hauskaters." Reinhold Schrambke, 58-jähriger Allgemeinmediziner aus Groß Schönebeck am Rande der Schorfheide, ist Doktor für alle Fälle. 24 Stunden rund um die Uhr und das 365 Mal im Jahr.

In seiner 150 Quadratmeter großen Praxis steht das EKG neben dem Ergometer, das Lungenfunktionsgerät neben dem Ultraschall. Reinhold Schrambke macht Seh- und Hörtests und besucht seine Patienten Zuhause. Die Instrumente für kleine chirurgische Eingriffe liegen steril im Schrank, und er kümmert sich um die Ausbildung junger Kollegen. Zwei Tassen Kaffee und ein Vollkornmarmeladenbrot am Morgen machen ihn munter. Pünktlich um sieben Uhr früh beginnt der Tag in der Praxis. Selten endet er vor acht Uhr abends. "Feierabend ist, wenn der letzte Patient versorgt ist. Schließlich geht es hier nicht um Sachen, sondern um Menschen," erklärt der Mediziner, der nebenbei noch ein Buch über den Alltag eines Landarztes schreibt.

Ob es jemals fertig wird, steht in den Sternen. Denn die zehn Nacht- und Wochenendnotdienste müssen schließlich auch bewältigt werden. Da bleibt kaum mehr Zeit für das kleine Motorboot auf dem Werbellinsee. "Dreimal hatte meine Frau Theaterkarten besorgt. Dreimal kamen Feuerwehrsirene und Notruf dazwischen. Dann haben wir es aufgegeben." Und mehr als ein Bier im "Weißer Hirsch" ist ebenfalls nicht drin. Den Garten umgraben, vor dem Schlafen ein paar Seiten lesen oder ein Spaziergang mit Ehefrau Marianne sind für den 58-Jährigen der Ausgleich für die Verantwortung des 12 bis 14-Stundentages.

Doch die Zufriedenheit seiner meist älteren Patienten geben ihm die Kraft, weiter zu machen. Die Jüngeren im Ort nennen ihn Doc, einige sagen förmlich Herr Doktor zu ihm und andere rufen ihn lauthals Schrammi. Ansonsten gibt es als Dankeschön hin und wieder ein paar frische Eier mit auf den Weg oder ein Huhn für den Mittagstisch. "Die Menschen hier denken praktisch. Sie machen keine großen Worte und tragen ihr Herz nicht lose auf der Zunge. Und Eier und Huhn sind für viele die einzige Möglichkeit, mir ihren Dank zu zeigen."

Zum Dank ein Huhn

Der ehemalige Medizinalrat des Landambulatoriums Groß Schönebeck ist in den letzten 20 Jahren zum Einheimischen geworden. Studiert hat der Sohn eines Schuhmachers in Leipzig. Die ersten Jahre arbeitete er im Krankenhaus. Seine Marianne lernte er an einem regnerischen Tag an der Ostsee kennen. "Wir sind nicht nur privat ein Team. Meine Frau ist eine von vier Fachkräften, die die Praxis in Schwung halten. Zu Weihnachten kochen wir gemeinsam für die älteren Patienten. Und als Dank schmücken sie uns den schönsten Weihnachtsbaum von Brandenburg."

Tief berührt hat ihn die Geschichte der jungen Frau, die er vor 16 Jahren in Leipzig wiederbelebte. "Jedes Jahr schickte sie mir am 10. Mai als Dank für ihr zweites Leben eine weiße Orchidee. Doch seit zwei Jahren gibt es keinen Gruß, keinen Brief, keinen Anruf mehr." Und wenn ihm der 16-jährige Stefan scherzhaft mit dem Finger droht, weil er mit seinem A 3 zu schnell über die Dorfstraße fährt, erinnert sich Dr. Schrambke an seinen ersten Notfalleinsatz in Groß Schönebeck. "Ich ließ mir mit Freunden gerade den selbstgebackenen Pflaumenkuchen meiner Frau schmecken, als mich die Feuerwehrsirene vom gemütlichen Kaffeetisch holte. Verkehrsunfall auf der B 109. Eine vierköpfige Familie bewusstlos im Auto. Am schlimmsten hatte es den 4-jährigen Stefan erwischt. Während ich ihn wiederbelebte, betete ich im Stillen. Lieber Gott, du kannst ihn doch nicht einfach sterben lassen. Und der liebe Gott hat geholfen."

Im Einzugsgebiet der Praxis Schrambke wohnen 5000 Menschen. 1400 kommen regelmäßig in seine Praxis, für 3200 ist er der Arzt, der am Abend und am Wochenende ins Haus kommt. Notfalls mit dem Pferdeschlitten, wie im letzten Winter, als es kein Durchkommen für seinen blauen Audi gab und eine junge Frau in den Wehen lag. "Auf unseren Doc ist Verlass," sagt die Leiterin des Heimes für behinderte Kinder, für die er mehr als nur der "Onkel Doktor" ist. Und Dominique, der fünfjährige Nachbarsjunge, lässt sich vom Doc nicht nur seine Schramme am Kopf verarzten, sondern hilft am Wochenende, mit seiner kleinen Schippe den Garten umzugraben.

Kaum einer der Patienten weiß, dass ihr Doktor nur 78 Prozent der Krankenkassenvergütung bekommt, wie sein Kollege im Westen. Dass er für einen Hausbesuch 20 Mark (nachts 30) erhält, und den kassenärztlichen Notfalldienst ohne Bezahlung macht. Immer mehr junge Ärzte wandern deshalb in die Städte oder alten Bundesländer ab. Schon jetzt gibt es eine große Zahl von nicht nachzubesetzenden Praxen in Brandenburg. "In zwanzig Jahren wird es den Landarzt nur noch als Fernsehserie mit Walter Plathe geben", heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg.

Aber Landarzt Schrambke klagt selten. Manchmal ist er wenig zornig über die Gesundheitspolitik, doch seine Patienten lässt er davon nichts merken. "Meine Arbeit ist mein Hobby. Und dass mindestens 30 Prozent davon nicht vergütet werden ... was solls. Manchmal ist es eben wichtiger, mir den Liebeskummer und die Sorgen der Menschen anzuhören, als mit Spritze und Tabletten zu kommen." Hin und wieder schaut der Zahnarzt mit einem Risikopatienten bei ihm vorbei, um einen Zahn zu ziehen. Dann steht der Notfallkoffer bereit und der Defibrillator ist eingeschaltet. Hier arbeiten alle Hand in Hand. "Fehlleistungen werden in meinem Beruf nicht verziehen. Und wenn ich einen Blinddarm nicht rechtzeitig als Blinddarm erkenne, ist es oft zu spät."

Lustiger ist die Geschichte der jungen Frau, die in seine Praxis kam und die Diagnose gleich mitbrachte. "Ich habe eine starke Gastritis", behauptete sie im Brustton der Überzeugung. "Die Gastritis ist jetzt drei Jahre alt und ein bildhübscher blonder Bengel geworden", lacht Doktor Schrambke. Und ist er selbst mal krank, versorgt einer der 13 von ihm ausgebildeten Ärzte seine Patienten. Und das sind rund 120 täglich. In der DDR hatte er den Titel eines Medizinalrats, heute steht auf seinem Praxisschild schlicht und ergreifend - Hausarzt.

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