Der Tagesspiegel : Große Töne

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg baut für 1,8 Millionen Euro seine alte Heimstätte in Potsdam aus

Sabine Schicketanz

Potsdam - Es ist eine Rückkehr an den Ort des Ursprungs – und der wird kaum anders aussehen als vor mehr als 70 Jahren: Das Deutsche Filmorchester Babelsberg lässt seine alte, neue Heimstätte im Studio Babelsberg nahezu genau so herrichten, wie sie einst Otto Kohtz geschaffen hat. Der Architekt prägte das gesamte Erscheinungsbild der damaligen Traumfabrik der „Universum Film A.G.“ (Ufa) – so hat es Ralph Paschke vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege dokumentiert. Von 1933 bis 1935 entwarf Kohtz auch das heute denkmalgeschützte Synchronatelier und „Klebehaus“ am Billy-Wilder-Platz auf dem Studiogelände. Dort, wo das Orchester bereits ab Mitte der 30er Jahre bis 1990 die Musik für die Ufa- und später die Defa-Filme einspielte, wird es im Herbst wieder einziehen.

„Wir werden den originalen Zustand nahezu wiederherstellen“, verspricht Klaus-Peter Beyer, Intendant des Filmorchesters. Sentimentale Gründe hat das – besser als die Ufa könne man ein Aufnahmestudio eben kaum bauen, sagt Beyer: „Die waren schon ziemlich perfekt damals.“ Der Bau habe „große Akustik“, so außergewöhnlich wie beispielsweise in den „Abbey Road“-Studios in London oder der „Newman Stage“ in Hollywood. Der Einbau von Hightech – außer bei der Aufnahmetechnik – sei da gar nicht nötig.

Rund 1,8 Millionen Euro kostet der Umbau des heute „Studio A“ genannten Gebäudes mit rund 400 Quadratmetern Fläche. Davon zahlen Bund und Europäische Union 1,5 Millionen Euro, das Filmorchester trägt 100 000 Euro aus eigener Tasche bei. Im Dezember wurde mit den Bauarbeiten begonnen, in guter Kooperation mit den Denkmalpflegern von Stadt und Land, wie Beyer betont. Mitte August soll das rund 70-köpfige Orchester zum ersten Mal am historischen Ort proben. Derzeit residiert es in Berlin, im ehemaligen DDR-Rundfunkhaus an der Treptower Nalepastraße. Dort müssen die Räume Ende September geräumt sein.

Mit Wehmut erfüllt das Beyer nicht. „Wir bekommen hier ein viel besseres Instrument in die Hand“, sagt er. Dazu gehört nicht nur das traditionelle Flair – sogar das originale Eichenparkett wird wieder aufpoliert –, sondern auch die Fülle an neuen Möglichkeiten. Auf der neu gebauten Regie-Empore sollen rund 100 Gäste, wie auf einem Schiffsbug sitzend, Studiokonzerte erleben können, auch Schulklassen seien als Besucher bei Proben sehr willkommen, so Beyer. Außerdem werde wie zu Ufa-Zeiten eine Leinwand installiert, auf die Filme projiziert werden können. „Scoring by Screening“ nennt sich die Möglichkeit, die Filmmusik zum laufenden Film einzuspielen. Dass es sie künftig im neuen, alten Aufnahmestudio ständig geben wird, sei einmalig in Europa.

Durch zwei Regieräume – einer analog, einer digital – werde es außerdem mehr Arbeitsplätze für die angehenden Filmkomponisten der benachbarten Babelsberger Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) geben, die beim Filmorchester ihre praktische Ausbildung absolvieren. Eine ähnliche Kooperation strebt Beyer mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) an.

Neben rund 70 fest angestellten Musikern beschäftigt das Filmorchester bis zu 250 freie Mitarbeiter im Jahr. Ab Juni arbeiten sie beispielsweise an der neuen Komödie von Michael „Bully“ Herbig, außerdem für zahlreiche TV-Produktionen. Doch die Auftragslage des Filmorchesters könnte sich in Babelsberg weiter verbessern: Erste Kontakte zu Studio Babelsberg Motion Pictures (SBMP), dem Produktionsdienstleister des Studios, seien geknüpft. Dieser könne künftig den Produzenten, die in Babelsberg drehten, auch den Service anbieten, direkt vor Ort die Filmmusik einzuspielen. Eine vielleicht sogar für Hollywoodfilme attraktive Konstellation, denn die US-Studios bekommen mit dem neuen Filmförderfonds bis zu 20 Prozent Steuererlass auf Produktionskosten in Deutschland.

Der Standort Babelsberg scheint also zukunftsfähig für das Filmorchester – auch wenn er aussieht wie in den 1930er Jahren. „Mir geht es nicht darum, hier ein Denkmal zu setzen“, sagt Intendant Beyer. „Ich will eine sichere Zukunft für meine Leute.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben