Der Tagesspiegel : Häuserfronten wie im Potemkinschen Dorf

CLAUS-DIETER STEYER

ELSTAL .Die Eisenbahnersiedlung in Elstal, westlich Berlins an der B 5 gelegen, könnte ein Schmuckstück sein: Helle und mit allerlei Schnörkeln geschmückte Fassaden, kleine Vorgärten, liebevoll restaurierte Stallgebäude mit einer großen Grünfläche dahinter und je nach Bedürfnis geschnittene Wohnungen.Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Die Häuser verfallen, Dächer sind undicht, der Putz bricht ab.Selbst die wenigen im frischen Gelb erstrahlenden Fassaden sind ein typisches Potemkinsches Dorf.Nur die vorderen Mauern erhielten frische Farbe.Dahinter hat sich in den letzten Jahren nichts getan."Der Zustand vieler Wohnungen ist ziemlich schlecht", sagt Peter Wegener, der als sachkundiger Bürger im Bauausschuß der Elstaler Gemeindevertretung sitzt."Von Ofenheizung angefangen bis hin zu alten Sanitäranlagen."

400 Wohnungen zählt die Elstaler Siedlung - jede ist ein kleines Einfamilienhaus über zwei Etagen.An rund 40 Eingangstüren steht kein Name mehr, die Bewohner sind längst ausgezogen."Wir brauchen endlich eine dauerhafte Lösung, die den weithin einmaligen Charakter des Ensembles erhält", sagt Wegener.Denn einige Mieter hätten ihre Wohnungen in den letzten Jahren schon gekauft und sie mit frischem Putz versehen oder die Dächer gedeckt."Auf Dauer ist dadurch das Gesamtbild zerstört, denn immer werden die Unterschiede sichtbar bleiben."

In Brandenburg und Berlin gibt es insgesamt 3750 Wohnungen im Bundeseisenbahnvermögen.Außer in Elstal stehen die größten Siedlungen dieser Art in Wittenberge und in Brandenburg-Kirchmöser.Ihre Entstehungsgeschichten ähneln sich.In der Umgebung großer Bahnhöfe wurden Häuser für die künftigen Bediensteten gebaut.Zwischen 1906 und 1909 war in Wustermark, das direkt an die 1928 gegründete Landgemeinde Elstal grenzt, ein großer Verschiebebahnhof entstanden.1920 zogen die ersten Mieter in die Wohnungen ein.Größere Erweiterungspläne scheiterten, nachdem der Krieg begonnen hatte.

Während der DDR-Zeit unterschieden sich die Lebensverhältnisse in den Eisenbahnersiedlungen nicht groß von denen in anderen Wohnvierteln.Doch als die Deutsche Reichsbahn nach der Einheit aufgelöst wurde, blieben die Uhren in Elstal und vergleichbaren Orten stehen.Die Deutsche Bahn AG trennte sich von den Wohnungen, sie fielen an das bundeseigene Eisenbahnvermögen.Dieses suchte lange nach Interessenten und fand kürzlich in einer Immobiliengruppe unter Führung der baden-württembergischen und niedersächsischen Landesentwicklungsgesellschaften einen Käufer.Doch die Gewerkschaft der Eisenbahner lehnte den angebotenen Vertrag ab.Er gewährleiste nicht, daß die Betroffenen künftig eine angemessen preiswerte Mietwohnung nutzen könnten.Auf keinen Fall dürfe der Wohnungsbestand in lukrative Filetstücke zerschlagen werden, lautete die wichtigste Forderung.

In ganz Deutschland gibt es etwa 110 000 Eisenbahnerwohnungen.Der Mietpreis liegt in Elstal bei fünf bis sechs Mark pro Quadratmeter."Viele Leute würden gern mehr Miete zahlen, wenn nur die Häuser endlich renoviert würden", sagt Wegener.

Zur 70jährigen Geschichte von Elstal zeigt der Verein Historia eine Ausstellung in der früheren Turnhalle des Olympischen Dorfes von 1936.Sie ist über die Bundesstraße 5 und dem Abzweig nach Elstal zu erreichen.Die Schau gibt auch Einblicke in die Geschichte des Olympischen Dorfes selbst, das vor einigen Jahren der Gemeinde Elstal zugeschlagen worden war.Geöffnet ist sie bis zum 8.November, freitags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr.Eintritt frei.

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