Der Tagesspiegel : Harte Zeiten für Hühnerhöfe

Verschärfte Bestimmungen sollen Farmen Schutz vor der Geflügelpest bieten. Doch Viren könnten trotzdem eingeschleppt werden

Annette Kögel

Nach dem ersten Geflügelpest-Verdachtsfall in Deutschland ist das Risiko für die Hühnerfarmen und Eierproduzenten in Brandenburg „deutlich größer geworden“. Dies sagte Landestierarzt Klaus Reimer am Wochenende. Die Schutzbestimmungen wurden deshalb erneut verschärft. Gänzlich auszuschließen sei eine potenzielle Ansteckung aber nicht. Denn die Handelsbeziehungen – und damit die Herkunft von Tieren und Eiern – sind Reimer zufolge im grenzüberschreitenden Handel innerhalb der EU „oft unergründlich“. Für den Verkauf von Zuchtgeflügel innerhalb Deutschlands werden in Brandenburg jetzt tierärztliche Atteste verlangt. An der größten Brandenburger Agrarschau „BraLa“ in Paaren/Glien Ende Mai nimmt der Geflügel-Wirtschaftsverband ohne Streichelküken und Schau-Geflügel teil.

„Seit den Meldungen aus Nordrhein-Westfalen ist die Situation bei unseren Leuten sehr angespannt“, sagt auch Ursula Schimmrigk, Geschäftsstellenleiterin des Geflügel-Wirtschaftsverbandes Brandenburg mit rund 100 Mitgliedsfirmen. Fast alle Legehennen- und Broiler-Halter, Gänse- und Entenmäster, Eierproduzenten, aber auch Käfig- oder Futterhersteller des Landes sind im Verband organisiert. Deren 900 Mitarbeiter fürchten wegen der Ansteckungsgefahr, aber auch infolge einer Verunsicherung der Verbraucher letztlich um ihren Arbeitsplatz. „Sollte etwas passieren, wären auch die Zulieferer und die verarbeitende Industrie im Land betroffen“, sagt Schimmrigk, „und die betroffene Farm anschließend von der Landkarte radiert.“ Derzeit nicht mit Tieren an Züchterschauen und Märkten teilzunehmen, sei deshalb auch „reiner Selbstschutz“.

Seit einer bundesweiten Eilkonferenz Ende der Woche gelten auch wieder verschärfte Bestimmungen für Züchterschauen mit Tauben, teilte Landestierarzt Klaus Reimer mit. „Sie sind wegen der Übertragungsgefahr von Viren ab sofort wieder verboten.“ Fliegende Händler, die Rest-Herden aus verschiedenen Farmen an kleinere Zuchtbetriebe verkaufen, müssen ihre Wagen weiter stehen lassen. Alle Züchter und Mäster sind verpflichtet, 24 Stunden vor dem Verkauf ein klinisches tierärztliches Attest einzuholen – Grippesymptome oder Anzeichen von Schwäche wie Legefaulheit könnten dann ein Hinweis auf eine Erkrankung sein.

Zwar hatten die meisten Betriebe im Land seit dem 1.März den Handel mit niederländischen Firmen abgebrochen. Doch Eier aus nicht betroffenen Regionen können weiter zugekauft – und damit womöglich Viren über den Umweg der Verpackung eingeschleppt werden. „Die Eierpaletten fahren durch halb Europa, da kann man die Herkunft nicht genau überblicken“, schildert Ursula Schimmrigk die Sorgen von Verbands-Unternehmern. Dass Brandenburger Betriebe Eier oder kürzlich Jung- oder Schlachttiere aus Nordrhein-Westfalen bezogen, ist ihr nicht bekannt. „Aber wir können ja nicht jeden kleinen Züchter im Land überblicken.“

Die Preise, die Hähnchenmäster am Schlachthof aushandeln, sind bereits seit drei Jahren leicht rückläufig. Auf der „BraLa“ wird der Wirtschaftsverband jedenfalls vor seinem Zelt zumindest Spiegeleier und Chicken Wings zubereiten, um den Verbrauchern weiter Appetit zu machen.

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