Der Tagesspiegel : Hobby-Flieger: Von Schönhagen an den Himmel von Amerika - Erstes Brandenburger Flugzeug seit 1945 geplant

Claus-Dieter Steyer

Nach dem ersten Blick auf die Landkarte rund um Berlin entschieden sich die drei Flugzeugingenieure für das kleine Dorf Schönhagen. "Es liegt südwestlich der Großstadt und damit auf der richtigen Seite", sagt Peter Grundhoff, einer der drei Geschäftsführer der "Aquila Technische Entwicklungen GmbH". Aus dieser Richtung kämen die meisten Geschäftsreisenden nach Berlin. Außerdem lägen mit dem Triebwerkhersteller Rolls Royce in Dahlewitz, dem Unternehmen MTU Maintenance in Ludwigsfelde und dem Flughafen Berlin-Schönefeld wichtige Luftfahrtunternehmen in der Nachbarschaft. Deshalb sei keine andere Himmelsrichtung für den Firmensitz in Frage gekommen.

Sicher noch nicht von der Größe, aber zumindest vom Aufsehen in der Fachpresse gehört "Aquila" schon in eine Reihe mit den Aushängeschildern der Brandenburger Luftfahrtindustrie. Dafür spricht schon die Wahl des Adlers (lateinisch aquila) für den Firmennamen. Schließlich schmückt das Tier das Brandenburger Wappen. Doch da es selbst Flugzeugbauern allein noch keine Flügel verleiht, haben sich Peter Grundhoff, Alfred Schmiderer und Markus Wagner mit ihrem knapp ein Dutzend Kollegen zählendem Team selbst ein Paar gebaut. Diese hängen am Rumpf eines Flugzeuges, das die Fachleute nicht zuletzt auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung ILA begeistert hat. "Die Aquila A 210" ist ein zweisitziges Motorflugzeug in Faserverbundbauweise, das sich vor allem als Schulmaschine, für den Schleppbetrieb von Segelfliegern und als Reisemaschine eignet. Sein geringer Benzinverbrauch von durchschnittlich fünf bis sieben Litern pro 100 Kilometern bei Tempo 200 hebt den Adler aus der Konkurrenz heraus. Die maximale Reichweite soll 1800 Kilometer betragen.

Die drei Firmeninhaber - im Mai von Wirtschaftsminister Wolfgang Fürniß als "Gründerchampion 2000" ausgezeichnet - haben an der TU Berlin Luftfahrttechnologie studiert. In Schönhagen erfüllten sie sich vor fünf Jahren dank großzügiger Fördermittel und erheblicher Bankkredite den Traum von der Selbstständigkeit. Dass dadurch seit 1945 das erste komplett bis zur letzten Schraube in Brandenburg gefertigte Flugzeug entstand, spielte nur eine Nebenrolle. Im Spätsommer will das junge Unternehmen die Musterzulassung für die "A 210" erreichen, um danach die Serienproduktion beginnen zu können. Zunächst sind jährlich 50 Maschinen geplant. Falls der Sprung auf den riesigen US-amerikanische Flugzeugmarkt gelingen sollte, ist sogar an eine Verdoppelung der Produktion geplant.

Zunächst wird auf dem Flughafen Schönhagen eine neue Montagehalle bezogen. Der Landrat des Kreises Teltow-Fläming, Peer Giesicke, hält sie für das "sichtbarste Zeichen des neuen Standortes der Luftfahrttechnologie" im Berliner Umland. Denn hier werde nicht wie auf vielen anderen Flugplätzen nur geflogen, sondern auch nach modernsten Maßstäben produziert. Außerdem entwickle sich der frühere Platz der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) mehr und mehr als touristischer Anziehungspunkt. Rundflüge seien ebenso wie Lehrgänge für Flugzeuge und Hubschrauber immer möglich.

Aus dem Munde des Landrates sind solche Lobeshymnen nicht weiter überraschend. Denn der Landkreis Teltow-Fläming beteiligt sich mit 99,54 Prozent an der Besitz- und an der Betreibergesellschaft des großen Flugplatzgeländes an der Bundesstraße 246. Den minimalen Rest teilen sich Schönhagen und die Nachbarstadt Trebbin. Auf 50 Millionen Mark beläuft sich die Investitionssumme. Zu der jetzt fertiggestellten ersten Montagehalle kommen bis 2004 weitere drei. "Die Nachfrage ist erstaunlich hoch", bestätigt Geschäftsführer Herbert Vogler. Bisher hätten sich zwölf Unternehmen in Schönhagen angesiedelt. Für Gaststätten und ein Hotel seien bereits Flächen reserviert worden.

Ausdrücklich weist der Geschäftsführer alle Überlegungen zurück, Ferien- und Charterlinien nach Schönhagen zu locken. "Wir beschränken uns auf Geschäfts- und Privatreisende", sagt Vogler. Offensichtlich soll von vornherein jegliche Konkurrenz zum Großflughafen Berlin-Schönefeld vermieden werden. Entsprechende Ambitionen der Betreiber des Flughafens Finow bei Eberswalde hatten vor allem im Berliner Senat zu Misstönen geführt. Der wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft sitzende Ex-Geschäftsführer von Finow, Josef Brandstetter, hatte auf den Regionalflughafen unter anderem das Feriengeschäft mit den Fliegern nach Mallorca ziehen wollen.

Den Flug auf die Ferieninsel könnte zwar auch die neue "Aquila 210" aus Schönhagen schaffen. Doch Platz wäre nur für einen Passagier.

0 Kommentare

Neuester Kommentar