Hochwasser in Brandenburg : Die Nerven liegen blank

Obwohl die Deiche an Elbe und Oder halten, liegen die Nerven der Menschen in Brandenburg blank. Seit fast einem Jahr bekommen sie ihre Häuser nicht trocken, das Wasser wird sogar zur tödlichen Gefahr.

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Land unter. Die Elbe hat nahe Wittenberge mit 7,29 Metern den höchsten Wert bei eisfreiem Hochwasser seit Beginn der Pegelbeobachtungen erreicht.Weitere Bilder anzeigen
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24.01.2011 13:29Land unter. Die Elbe hat nahe Wittenberge mit 7,29 Metern den höchsten Wert bei eisfreiem Hochwasser seit Beginn der...

Nachts zieht ein tiefes Brummen durch die Dörfer. Der Boden vibriert. Irgendwann gehen die dumpfen Töne in ein pfeifendes, zischendes Geräusch über. Und plötzlich herrscht Ruhe. Dann beginnt das Dröhnen wieder von vorn. Seit Monaten geht das so. Es bringt die Bewohner um ihren Schlaf, denn schlimmer als das Dröhnen der Pumpen ist die Angst, dass es aussetzt.

Am Dienstag früh um fünf Uhr schreckt im kleinen Zelliner Loose ein Familienvater aus dem Schlaf. Er riecht, wie sich in seinem Haus der beißende Qualm schmorenden Isoliermaterials ausbreitet. Dass Wasser in sein Haus eindringt, darauf war er gefasst. Doch nun hat es einen Kurzschluss und dann einen Kabelbrand ausgelöst. Gas strömt aus und verpufft. Die drei Bewohner können ins Freie flüchten. „Die Bewohner sind glimpflich davongekommen“, sagt die Polizei später. „Es gibt Fälle von Gasaustritt, da wachen die Opfer einfach nicht mehr auf.“

Das Oderbruch, jener tief liegende Landstrich 80 Kilometer nordöstlich Berlins, kommt nicht zur Ruhe, und daran hat die Eisschmelze des Winters kaum noch Anteil. Auf den Feldern und Wiesen ist der Schnee abgetaut, doch das Wasser läuft nicht ab, schon lange nicht mehr, und es ist zu einer tödlichen Gefahr geworden. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Verpuffungen wie in Zelliner Loose im Überschwemmungsgebiet wiederholen.

Während die Pegelstände in anderen Landesteilen, an Elbe, Rhein, Mosel und Weser, langsam wieder zurückgehen, wächst im östlichen und südlichen Brandenburg die Verzweiflung der Menschen. In der Hälfte aller Häuser des 20 000 Einwohner zählenden Oderbruchs steht das Wasser mindestens einen halben Meter hoch – und das seit Frühjahr 2010. Und auch in Herzberg 90 Kilometer südlich von Berlin ist die Hälfte der Bevölkerung betroffen. Aus den Häusern kriechen dicke und dünne Schläuche auf die Straßen, unaufhörlich laufen die Pumpen. Vergeblich.

Am Dienstag haben die Menschen nun die Geduld verloren und sind ins Herzberger Rathaus gezogen. 18 Mann, auch Gerhard Zwanzig war dabei. „Seit Oktober steht das Wasser in unseren Kellern“, sagt der Rentner: „Und es wird nicht besser, sondern immer schlimmer. Jetzt trauen wir uns schon fast nicht mehr, die Toiletten zu benutzen, denn die großen Abwasserleitungen sind randvoll.“ Man müsse Waschbecken und Toiletten mit Sandsäcken gegen Fäkalienrückstau abdichten. So kann man doch nicht leben.

Ein bulliger Mann Mitte 40 nickt grimmig. „In meiner Firma haben wir überlegt, ob wir die Grüne verhauen sollen“, bringt er die Stimmung in der Gegend auf den Punkt. „Diese Idioten haben doch angeordnet, dass die Flüsse und Entwässerungsgräben nicht mehr entkrautet werden, damit irgendwelche gelb-grün gestreiften Kakerlakenvögel dort brüten können.“ Die Volkszorn kocht in Herzberg an der Schwarzen Elster. Das Dröhnen der Pumpen, es ist zu einem Dröhnen der Seele geworden.

Niemand weiß, wie es weitergeht. Denn das Problem kommt nicht von oben, aus den Wolken, es sickert von unten aus dem Grundwasser in die Häuser, zerstört deren Fundamente und vernichtet die wirtschaftliche Existenz vieler Betriebe.

Otto Knoll kommt mit einem Eimer voller großer Kartoffeln aus seinem Keller. „Alles trocken“, sagt der 72-Jährige nicht ohne Stolz. Er gehört zu den wenigen Bewohnern, die noch nicht gegen das Wasser kämpfen müssen. „Unsere Vorfahren waren klug und bauten mein Haus schon vor 100 Jahren auf eine kleine künstliche Anhöhe und gruben den Keller unter dem Fundament erst nachträglich aus, so dass er fast zu ebener Erde liegt.“ Die Keller seiner Nachbarn, sagt Knoll, stünden mitten im Grundwasser und hielten dem monatelangen Druck längst nicht mehr stand. Aber das könne man den Eigentümern oder dem vielen Regen und Schnee des vergangenen Jahres nicht zum Vorwurf machen. „Die Katastrophe ist hausgemacht“, findet Knoll. Es sei ein Jammer, wie das Oderbruch als einstige Gemüsekammer Berlins in den letzten 20 Jahren gelitten habe.

Der Mann aus dem kleinen Neureetz kennt sich aus. Er ist hier geboren, verfolgte in der DDR den nicht ganz freiwilligen Beitritt seiner Eltern in die LPG und stieg dort später zum Chef über die Traktoren und anderen Landmaschinen auf. Schon 1997 rief er die Bürgerinitiative „Rettet das Oderbruch“ ins Leben, als „weltfremde Politiker in Potsdam“, wie er sie nennt, nach dem großen Sommerhochwasser eine Umsiedlung der Menschen ins Gespräch gebracht hatten. Das konnten Knoll und seine etwa 50 aktiven Mitstreiter ebenso verhindern wie den Bau einer Bundesstraße quer durch das Bruch.

Im gemütlichen Wohnzimmer mit Blick über die wie ein flacher Teller wirkende Landschaft erklärt der heutige Rentner das ganze Dilemma. Mit einem Laserpointer fährt er über die an der Wand hängenden Landkarten, darauf die Jahreszahl 1767. Der Alte Fritz habe hier der Oder ein neues Bett gegeben und die fruchtbare Region trockengelegt. Dafür hätten sich seine Wasserbauexperten ein ausgeklügeltes Entwässerungssystem aus 1500 Kilometer langen Gräben und 38 Pumpwerken ausgedacht. Dass der Preußenkönig heute als Denkmal auf einem Sockel in Letschin inmitten des Oderbruchs steht, hat damit zu tun. „Ich habe eine Provinz im Frieden erobert“, soll er vor 250 Jahren begeistert ausgerufen haben. Der Preis war ein kompliziertes Wassermanagement.

Otto Knoll macht eine längere Pause und schüttelt dann den Kopf. „Es ist schlimm, wie alles so verkommen konnte.“ Die Natur lasse sich nun einmal nicht so leicht überlisten. Nur dank der vielen trockenen Jahre zuvor sei die mangelnde Pflege der Abflussgräben, der Alten Oder und der Schöpfwerke nicht aufgefallen. Heute räche sich das.

Auch im Elbe-Elster-Gebiet machen die Bürger die Behörden und die Grünen für die anhaltende Misere verantwortlich. Früher seien die Schwarze Elster, ihre Nebenflüsse sowie sämtliche Gräben regelmäßig gesäubert worden, erzählen sie. Doch nach dem Ende der DDR seien die sogenannten Meliorationsbetriebe verschwunden und niemand habe sich darum gekümmert. Im Gegenteil: Wegen brütender Vögel und anderer Tiere seien ständig Auflagen erteilt worden, das Gras und Schilf stehen zu lassen.

Aber kann das stimmen, dass eine ganze Landschaft wegen Brutplätzen versinkt? Die Leute haben nicht ganz unrecht, sagt Volker Enigk, Ordnungsamtsleiter der Stadtverwaltung Herzberg. Es gibt zwar einen Gewässerunterhaltungsverband, der von den Kommunen und dem Landkreis mit der Reinigung der Abwassergräben beauftragt ist. Der dürfe aber laut Naturschutzgesetz erst im September in bestimmten Bereichen mit der Reinigung beginnen. „Das ist nach unseren Erkenntnissen zu spät“, sagt Enigk.

Für die Politik ist allein der Klimawandel schuld. Der Chef des Brandenburger Landesumweltamtes, Professor Matthias Freude, führt die dramatische Lage vor allem auf die „außergewöhnlichen Niederschlagsmengen“ zurück. Dadurch sei der Pegel der Oder so hoch, dass sie kein Wasser mehr aus dem tiefer gelegenen Bruch aufnehmen könne. Der Wissenschaftler, der wie kaum ein anderer noch vor einigen Jahren vor einer „Versteppung“ und „Austrocknung“ Brandenburgs gewarnt hatte, sagt heute: „Die Extreme nehmen zu.“

Otto Knoll mahnt aber, die Erkenntnisse der Vorfahren nicht zu übergehen. So sei es ein Unding, dass das Flussbett der Oder durch Sedimentablagerungen immer höher steige und schon teilweise fünf Meter über dem Land hinter den Deichen liege. „Dagegen haben sich die Wasserbauingenieure schon in Urzeiten die Buhnen ausgedacht“, erklärt der Mann. „Hinter den im Wasser stehenden Baumstämmen entwickeln sich Strudel, in denen sich Sand und Kies ablagern. Dort muss dann nur regelmäßig ausgebaggert werden. Sonst steigt die Oder immer höher und lässt uns bei einem Deichbruch absaufen.“

Im südbrandenburgischen Herzberg sind inzwischen viele Menschen müde und mutlos. Eine Ärztin sagt, fast jeder ihrer Patienten erzähle ihr erst mal seine persönliche Wassergeschichte. Besonders die Älteren leiden unter der Situation, die kein Ende nehmen will. Als die Schwarze Elster im August vergangenen Jahres zum ersten Mal seit Jahrzehnten massiv über die Ufer trat und das Grundwasser nach ein paar Tagen in die Keller drückte, glaubten die Herzberger noch an ein einmaliges Ereignis. Sie kauften Pumpen und Gummistiefel, warfen die unbrauchbaren Holzregale weg, ersetzten zerstörte Heizungen, Kühlschränke und Waschmaschinen oder brachten sie in anderen Zimmern unter. Aber dann drang das Grundwasser vielerorts mit einem gluckernden und pfeifenden Geräusch durch die Fliesen wieder durch.

Die Herzberger machten erst noch Witze. „Küss mich, ich will ein Frosch sein“ war einer; „wir müssen jetzt verkaufen, jetzt haben wir ein Wassergrundstück“ ein anderer. Aber das Lachen vergeht dem Mann, der sie erzählt. „Vielleicht würde ich das wirklich tun, verkaufen, wenn ich könnte, denn die Kosten sind bald nicht mehr aufzubringen.“ Was auch daran liegt, dass die Versicherungen nicht zahlen. „Die kommen nur für Hochwasserschäden auf“, sagt Gabi Lang, Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. „Aber wir haben ja hier Grundwasser im Keller.“

Überall im Elbe-Elster-Land sind auch viele Unternehmen betroffen. Die Agrargenossenschaft Plessa ist nicht nur überschwemmt worden, sie konnte auch ihren Mais nicht ernten. Der steht braun und mit hängenden Blättern entlang der Bundesstraße 169 zwischen Plessa und Lauchhammer in einer seit Monaten ganz neuen, ungewollten Variante des Lausitzer Seenlands. Links und rechts der Fahrbahn erstrecken sich riesige Wasserflächen. Auf dem Ackerland schwimmen majestätisch Schwäne, stinkende Tümpel haben sich gebildet.

Die jetzt von der Landesregierung zugesagten 13 Millionen Euro Hilfe für eine „Verbesserung der Abflussverhältnisse im Oderbruch“ hält Otto Knoll für längst überfällig. Bei einer regelmäßigen Pflege hätte man sich viel Geld sparen können. Bis sich etwas ändert, laufen im ganzen Land die Pumpen weiter.

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