Der Tagesspiegel : "Ich traue mich nicht, den Eltern in die Augen zu sehen"

Stefan Jacobs

Frankfurt (Oder). Der Mörder von Ulrike Brandt aus Eberswalde schämt sich nach Zeugenaussagen vor den Eltern des Opfers. "Ich traue mich nicht, den Eltern in die Augen zu sehen wegen der Tat", schrieb er seiner früheren Bewährungshelferin, die am Montag am sechsten Verhandlungstag vor dem Landgericht Frankfurt (Oder) aussagte. Dem 25-jährigen Stefan J. wird in dem Prozess vorgeworfen, das zwölfjährige Kind am 22. Februar entführt, vergewaltigt und getötet zu haben.

In ihrer Aussage beschrieb die Zeugin den Angeklagten als kinderlieb: "Er wollte Familie, Wohnung und Arbeit haben", sagte die 62-Jährige. Sie betreute J. seit Januar 2000, als er auf Bewährung aus der Haft entlassen worden war. Im Mai sei er zu einer Bekannten nach Fürstenwalde gezogen. "Die meisten, die ich so kenne, kümmern sich eher um die jungen Frauen als um die Kinder", sagte sie. Stefan J. habe den Kindern gern Kleinigkeiten vom Einkaufen mitgebracht. "Er hat mir erklärt, es mache ihm Freude, wenn sich die Kinder freuen."

Etwa ein Jahr lang bemühte sich die Bewährungshelferin durchaus erfolgreich, dem Angeklagten Wohnung und Arbeit zu verschaffen. J. sei regelmäßig zu ihr gekommen, sagte sie. Bis er Anfang Februar dieses Jahres spurlos verschwand.

Schon am 1. März, also eine Woche bevor die ermordete Ulrike gefunden wurde, habe sie ihn dann auf einem Phantombild erkannt: "Ich hatte ein entsetzliches Gefühl." Sie meldete sich bei der Soko "Finow", wo ihr Hinweis als einer von vielen aufgenommen wurde. Vier Wochen nach dem Mord, am 20. März, sei der Angeklagte wieder bei ihr aufgetaucht. Es gelang ihr, regelmäßigen Kontakt zu ihm zu halten, ohne ihn misstrauisch zu machen. Sogar zur Abgabe einer Speichelprobe konnte sie ihn überreden. Als J. bei der Polizei das Phantombild und das Foto eines T-Shirts sah, "fing er fürchterlich an zu zittern". Nach dem Besuch auf der Wache habe sie mit ihm noch über seine Mietschulden gesprochen. Tags darauf wurde Stefan J. verhaftet.

Nicht nur die Bewährungshelferin hatte den Angeklagten erkannt. Auch Anja S., eine Freundin, sagte gestern, sie sei durch ein Phantombild aufmerksam geworden. Freunde hätten ihr ausgeredet, dass J. etwas mit dem Mord an Ulrike zu tun hat. Sie selbst habe sich nicht getraut, ihn darauf anzusprechen. Obwohl sie sich oft unterhielten - und er sogar einen Unfall mit einem Radler erwähnte. Ricardo K., bei dem J. ebenfalls noch nach der Tat aus und ein ging, erinnerte sich, wie sie die Fahndung nach Ulrikes Mörder im Fernsehen verfolgten. "Wenn ich den in die Finger kriegen würde - der könnte was erleben!", habe Stefan J. gesagt. Das hatte Ricardo K. zumindest bei der Polizei zu Protokoll gegeben. Vor Gericht wusste er fast nichts mehr, wich auf Nachfragen aus, verwickelte sich in Widersprüche. "Das ist hier kein Unterhaltungsquiz", ermahnte ihn Walter Venedey, der Ulrikes Eltern als Nebenkläger vertritt. Zuvor hatte eine Zeugin berichtet, Ricardo K. habe mit Stefan J. Fahrräder gestohlen. "Wir haben viel zusammengemacht", sagte K. gestern über diese Freundschaft. Genauer könne er sich nicht erinnern.

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