Der Tagesspiegel : Immer mehr Junge ziehen fort

Zu wenig Jobs und nur Tankstellen als Treffpunkte: Trend zur "Vergreisung" in der Mark FRANKFURT (ODER) / POTSDAM (wvb).Immer mehr Jugendliche und junge Leute verlassen Brandenburg.Das hat eine Studie über Zu- und Fortzüge von und nach Brandenburg ergeben, die der Frankfurter Professor für Volkswirtschaft, Helmut Seitz, verfaßt hat.Bevorzugtes Ziel der auswandernden Jugend ist Berlin.Vom Wegzug betroffen sind die berlinfernen Kreise Brandenburgs ebenso wie das Umland.Seitz prognostiziert einigen Gebieten eine "schleichende Vergreisung". Die problematische Entwicklung in der Altersstatistik wird leicht übersehen, weil Brandenburg seit Jahren einen Zugewinn an Bürgern verzeichnet.Pro Jahr verbuchen die Statistiker einen Zugewinn von 10 600 Personen.Die meisten Zuzügler kommen aus Berlin ins Umland.Der Netto-Zugewinn verdeckt aber die Wanderungsbewegung der 15- bis 30jährigen, "die sich durch einen Umzug nach Berlin der mangelhaften privaten und öffentlichen jugendorientierten Infrastruktur Brandenburgs entziehen wollen", wie Seitz schreibt. Die Normalität der Brandenburger Jugend beschreibt Seitz als "Auto- und Tankstellensubkultur": keine Treffpunkte, keine regelmäßig geöffneten Diskotheken, kaum andere Freizeitmöglichkeiten auf zig Kilometern.So sei es kein Wunder, daß der Anteil der jugendlichen Fortzügler in manchen Gemeinden und auch Städten bei 40 bis 47 Prozent derer liegen, die ihren Wohnsitz nach Berlin verlagern.Zu den mangelhaften Freizeitmöglichkeiten kommt Seitz zufolge die Ausbildungs- und Arbeitsmisere.Für viele Jugendliche und junge Leute bietet Berlin zumindest größere Chancen auf einen Job. So sind in der Statistik diejenigen, die Brandenburg verlassen, im Durchschnitt fünf Jahre jünger sind als die Zuziehenden.Das gilt für das Umland ebenso wie für die Peripherie.Seitz belegt den Trend mit folgenden Zahlen: 35 Prozent der Umland-Brandenburger, die nach Berlin ziehen, sind 20 bis 30 Jahre alt; 42 Prozent der Brandenburger aus berlinfernen Regionen gehören in diese Altersgruppe.Dabei beträgt der Anteil der 20- bis 30jährigen an der Brandenburger Bevölkerung nur 12,2 Prozent. Daß viele Zuzügler Kinder mit nach Brandenburg bringen, macht den Wegzug der Jugend für Seitz nicht weniger problematisch: Als Jugendliche würden viele der Zugewanderten Brandenburg wieder verlassen, wenn sich die Situation der Jugendlichen nicht verbessere.Der Sprecher des Jugendministeriums, Stefan Woll, läßt das Argument von der mangelhaften Infrastruktur nicht gelten: Brandenburg verfüge über 1500 Jugendeinrichtungen, auch und gerade in dünnbesiedelten Gebieten.Diese Versorgungsdichte für Jugendliche könne sich sehen lassen. Die Studie kann unter der Fax-Nummer 0335 / 55 34 512 bei Professor Helmut Seitz bestellt werden.Sie kostet 25 Mark.

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