Jugendkultur : Die Spannung steigt

Für Jugendliche gibt es in Potsdam immer weniger Kultur- und Freizeithäuser – jetzt wächst ihr Protest.

Dirk Becker

Potsdam - Das Signal war deutlich. Am Mittwochabend stürmten 40 Jugendliche lautstark ins Stadtparlament. Sie protestierten gegen die aus ihrer Sicht katastrophale Situation der Jugendkultur in der Stadt, gegen die Schließung von Jugendhäusern und Jugendtreffs. Die Aktion blieb nicht ohne Folgen – gemeinsam mit einigen anderen Stadtverordneten verließ Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) die Sitzung, verglich den Protest später sogar mit Einschüchterungsmethoden der Nationalsozialisten. Der Inhalt der Forderungen aber stieß auf Verständnis. Bei Jugendlichen verfestige sich offenbar das Bild, dass für sie in der Stadt kein Platz mehr sei, hieß es hinterher – auch vom Oberbürgermeister.

Drastischer formuliert es Dirk Harder, der Geschäftsführer im Stadtjugendring. Die Jugend bleibt auf der Strecke, sagt er. Viel Freiraum für junge Leute gebe es in der historischen und bei den Touristen so beliebten Innenstadt schon seit Jahren nicht mehr. Die Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung verlören die Jugendpolitik aus den Augen, eine ganze Generation werde vergessen.

Allein die Hiobsbotschaften der vergangenen Monate belegen die für Jugendliche verheerende Lage, sagt Harder. Ende April musste der beliebte Jugendclub Spartacus wegen zu hoher Mietkosten schließen. Im Juni stellte der Lindenpark e. V., im Juli dann überraschend auch der Waschhaus e. V. einen Antrag auf Einleitung eines Insolvenzverfahrens beim Amtsgericht. Damit standen die beiden ältesten und wichtigsten Zentren für Soziokultur in Potsdam wegen Überschuldung vor dem Aus. Eine seit vier Jahren genutzte Skaterhalle wurde Ende Oktober geschlossen. Im Dezember soll sie vom neuen Besitzer abgerissen werden. Dann folgte die Nachricht, dass der Archiv e. V., der letzte Standort für alternative Jugendkultur in der Innenstadt, zum 1. Januar schließen müsse. Als Begründung wurden erhebliche bauliche Mängel an dem maroden Gebäude genannt. Um diese zu beheben, sollen rund eine Million Euro notwendig sein. Nun fragen sich viele, ob die Verwaltung überhaupt an einer Sanierung interessiert sei. Denn das Archiv-Gebäude in direkter Nähe zur Havel befindet sich auf einem der begehrtesten Grundstücke in der Stadt.

Immer wieder hat die Verwaltung, haben Stadtverordnete und Potsdams Oberbürgermeister in den vergangenen Monaten betont, dass sie nach einer Lösung suchen wollen. Doch für viele Jugendliche sind das nicht mehr als Lippenbekenntnisse, mit denen sie sich nicht länger zufrieden geben wollen. Bereits Ende September besetzten sie aus Protest die leerstehende Villa „Wildwuchs“ im Babelsberger Park, die jahrelang für die Jugendarbeit genutzt wurde und abgerissen werden soll. Es kam zu mehreren Demonstrationen. Am Mittwoch eskalierte dann die Situation. Die 40, zum Teil vermummten Demonstranten unterbrachen die Sitzung der Stadtverordneten und forderten Rederecht, um auf die Situation der Jugendkultur in der Innenstadt aufmerksam zu machen.

In der kommenden Woche soll die Entscheidung fallen, wie es mit den insolventen Vereinen Lindenpark und Waschhaus weitergeht. Dann soll aus sieben Bewerbern ein neuer Betreiber gefunden werden. Die Stadt hofft, dass zumindest das Waschhaus an Potsdams neuem Vorzeigekulturstandort Schiffbauergasse wieder zu einem Ort für Jugendliche werden kann.

Die aber sehen das anders. Lange habe das Gelände, das Anfang der 90er Jahre von Kulturschaffenden besetzt wurde, genug Freiräume für Jugendkultur geboten, sagen sie. In den vergangenen Jahren wurde es für rund 90 Millionen Euro saniert – zu einem „Zentrum für Kunst- und Soziokultur“. Die Investitionen in der Schiffbauergasse, inklusive Theaterneubau, hätten aber gerade die Freiräume beseitigt, heißt es unter Jugendlichen, die Schiffbauergasse sei „totsaniert“.

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