Der Tagesspiegel : Kanzler kam zum Kaiserbahnhof im Auto

Im restaurierten Gebäude am Park Sanssouci trainiert die Bahn AG künftig ihre 1200 Führungskräfte

Claus-Dieter Steyer

Potsdam - Nach mehr als einem halben Jahrhundert hätte gestern am Kaiserbahnhof Potsdam erstmals wieder ein Zug halten sollen. Bahnchef Hartmut Mehdorn hatte alles vorbereiten lassen, um den Bundeskanzler stilvoll am neuen Prunkstück des Konzerns begrüßen zu können. Doch der „Freund aller Autobauer“ rauschte wie selbstverständlich im Dienstmercedes mit Bonner Kennzeichen zum restaurierten Gebäude gegenüber vom Park Sanssouci. „Nur aus Zeitgründen“ habe er sich kurzfristig für Hubschrauber und Auto entschieden, beteuerte Schröder. Er schätze ansonsten den Service der Bahn AG sehr. Mit dem Kaiserbahnhof besitze der Konzern nun die Chance, zu einem „europäisch ausgerichteten Unternehmen“ zu werden.

Allerdings befinden sich in dem 1909 eröffneten Gebäude weder Stellwerk noch Rechenzentrale oder Computergroßraum. Die Deutsche Bahn will hier vielmehr künftig zweimal jährlich ihre 1200 Führungskräfte schulen. „Wir wollen Europachampion werden“, kündigte Mehdorn euphorisch an. „Dazu bedarf es ausgezeichneter Trainer für unsere 220 000 Mitarbeiter. Die werden künftig in Potsdam ihr Handwerkszeug erhalten.“

Die Inhalte der Seminare und Konferenzen sollen sich nicht allein auf das reine Eisenbahnwesen beschränken. Schließlich entfallen nach Mehdorns Angaben schon jetzt 40 Prozent des 24 Milliarden Euro hohen Jahresumsatzes auf Aktivitäten außerhalb der Bahn, vor allem auf den internationalen Datenverkehr. Mehdorn hat den Standort für seine Akademie mit Bedacht gewählt: „Hier werden die Führungskräfte nicht abgelenkt.“

Aus diesem Grund will die Bahn nur an ausgewählten Tagen Besichtigungen erlauben. So bleibt die Leistung der Restauratoren der Öffentlichkeit leider vorenthalten. Denn im Innern erstrahlt der Empfangssaal im alten Glanz. In der Bahnsteighalle stehen restaurierte Waggons aus dem Hofzug der Königin und Kaiserin Auguste Victoria von 1901. Rund 20 Millionen Euro ließ sich die Bahn den faktischen Neubau des Bahnhofes kosten. Zum Ärger von Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs blieb kein Geld für die Sanierung des benachbarten Bürgerbahnhofs übrig. Dort halten immerhin stündlich mehrere Züge.

GEBAUT

Der Kaiserbahnhof wurde zwischen 1906 und 1909 im englischen Landhausstil vom

Oberhofbaurat Ernst Eberhard von Ihne errichtet. Der Kaiser verlangte „reichliche Zuführung von Luft und Licht in die entlegensten Winkel und Ecken“.

GENUTZT

Hier fuhr der Kaiser ab und empfing die Staatsgäste. Nach Ausbruch

des Ersten Weltkriegs endeten die Staatsbesuche. 1918 dankte der Kaiser ab, und der Bahnhof geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

GEJUBELT

Zwischen 1945 und 1952 fuhr zweimal wöchentlich von hier der Urlaubszug mit sowjetischen Offizieren nach Moskau ab. Legendär sind die Jubelszenen bei der Abfahrt des so genannten „Blauen Express“. Der Name geht auf die blauen Waggons zurück und nicht – wie vom Volksmund gewitzelt – auf den Zustand der Offiziere.

GEHOFFT

Die Reichsbahn wollte den Bahnhof immer wieder abreißen. Ihr fehlten aber die „entsprechenden Kapazitäten“. Potsdamer setzten ihn 1977

auf die Denkmalliste, um den Verfall zu stoppen. 1999 wurde er als Unesco-Weltkulturerbe anerkannt. 2002 begann die Restaurierung, nachdem Pläne für eine Uni-Bibliothek gescheitert waren.ste

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