Der Tagesspiegel : Keine Ruhe unter den Wipfeln

Zehn Jahre alt ist der Nationalpark Unteres Odertal – und umstritten wie je

Claus-Dieter Steyer

Criewen - Zehn Jahre nach Gründung von Brandenburgs einzigem Nationalpark hat sich in seinem Bild nach außen nichts verändert: Das Schutzgebiet im Unteren Odertal ist so umstritten wie bereits im Sommer 1995.

Nach langer Debatte hatte der Landtag damals mit großer Mehrheit das entsprechende Gesetz beschlossen. Auf einer insgesamt 10500 Hektar großen Fläche zwischen der deutsch-polnischen Grenze bei Stettin und dem 60 Kilometer südlicher gelegenen Hohensaaten am Ende des Oderbruchs sollte die reiche Tier- und Pflanzenwelt bewahrt werden. Auf der benachbarten östlichen Oderseite schließen sich weitere 41000 Hektar Naturschutzflächen unter polnischer Verwaltung an. Deshalb ist in Publikationen und Reiseführern auch von einem „Internationalpark Unteres Odertal“ die Rede. Doch während es auf polnischer Seite keinen nennenswerten Widerstand gegen die Schutzgebiete gibt, wehren sich in Brandenburg Kommunalpolitiker, Unternehmer, Landwirte, Jäger und Angler nach wie vor gegen Einschränkungen im Sinne der Natur.

Der Streit entzündet sich vor allem an der Festlegung im Nationalparkgesetz, 50 Prozent der Fläche in den Status eines Totalreservates zu versetzen. Hier darf der Mensch so wenig wie möglich in die Natur eingreifen. Ohne diesen hohen Anteil von Wildnis gilt ein Schutzgebiet nicht als Nationalpark. Der Spreewald oder die Elbtalaue bei Wittenberge besitzen daher nur den etwas schwächeren Rang eines Biosphärenreservates. Das Schlaubetal, der Stechlinsee oder die Uckermärkischen Seen wiederum sind wie ein Dutzend andere Regionen nur Naturparks, in denen die Landwirtschaft weitgehend ohne Auflagen betrieben werden kann. Von der Brandenburger Landesfläche steht damit rund ein Drittel unter Schutz.

Doch „wo Nationalpark draufsteht, muss auch Nationalpark drin ein“, sagt Ansgar Vössing vom Förderverein der Freunde des Schutzgebietes. Einen Etikettenschwindel wolle man nicht zulassen. Nach Meinung des Vereins, der vor allem mit Geld des Bundes Flächen im Odertal für den Naturschutz kauft, hat die Landesregierung das Projekt sträflich vernachlässigt. Von den angestrebten 50 Prozent Totalreservat bis zum 31. Dezember 2010 seien bislang gerade einmal 15 Prozent zusammen. Große Ackerflächen würden weiter intensiv bewirtschaftet und nicht wie vereinbart in Grünland oder wenigstens in ökologische Produktionsweise überführt.

Zugleich hat sich der von Pfarrer Thomas Berg geführte Verein mit seinem strikten Naturschutzkurs viele Feinde in der Region, im Landtag und auch der Landesregierung gemacht. Zum großen Streitfall wurde etwa der Plan einer neuen Straße mit einer Oderbrücke von Schwedt nach Polen. Sie sollte quer durch den Nationalpark führen und war vor allem im Schwedter Stadtparlament als „unverzichtbare Lebensader“ bezeichnet worden. Die Auseinandersetzung darüber wurde so heftig, dass bis heute an einen normalen Dialog nicht zu denken ist. Das Straßenprojekt scheiterte 1999 schließlich an der Ablehnung durch die polnische Seite.

Ähnlich heftig wird heute in und um Schwedt über den Ausbau der Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße zur Oder gestritten. Die Freunde des Nationalparks gehen wegen der geplanten Verbreiterung des Kanals auf die Barrikaden, während die Binnenschiffer eine direkte Verbindung für Küstenmotorschiffe zwischen Ostsee und Schwedt verlangen.

Eine baldige Lösung des Dauerkonflikts um die reizvolle Gegend scheint weiter nicht in Sicht. Sämtliche Agrarminister gaben als Konfliktvermittler zwischen den verhärteten Fronten auf. Im Vorjahr entschlossen sich SPD und CDU in ihrer Koalitionsvereinbarung zu einer „Novellierung des Nationalparkgesetzes“. Vor allem soll der Zeitpunkt, zu dem 50 Prozent der Fläche den Wildnischarakter erhalten sollen, weit hinausgeschoben werden. Auch den Förderverein wollten sie am liebsten als Verwalter des Geldes vom Bund ablösen. Doch Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) hält zum Verein. Bisher flossen rund 60 Millionen Euro aus diversen Förderprogrammen in die Region.

Ungeachtet des Streits entdecken immer mehr Touristen die Schönheit des Gebietes. Rund 150000 seien es 2004 gewesen, schätzt die Nationalparkverwaltung. Der Tourismus sichere 200 Arbeitsplätze in der Region.

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