Der Tagesspiegel : Kernkraftwerk Rheinsberg: Für den Abriss fehlt das Geld

Claus-Dieter Steyer

Der bislang in Rheinsberg verbreitete Slogan "vom Kernkraftwerk zur grünen Wiese" gerät ins Wanken. Denn für eine komplette Demontage der Anlage am Stechlinsee fehlt der öffentlichen Hand das Geld. Der Bund als Eigentümer des 1990 stillgelegten Kernkraftwerkes (KKW) bezahlt nur die Beseitigung radioaktiv belasteter Einbauten sowie den kürzlich abgeschlossenen Transport von verbrauchten Brennelementen ins Atommüll-Zwischenlager Greifswald/Lubmin. Die Zukunft des großen Verwaltungsgebäudes, der Feuerwache, des Heizhauses, des Wasserwerkes oder des Betriebsbahnhofes ist weiterhin ungewiss.

In zwei während des aufwendig gesicherten Castortransportes verteilten Broschüren war noch von der kompletten Demontage des Kraftwerks die Rede. "Die Planung sieht den vollständigen Abbau des KKR vor", heißt es einer Information der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit des Rheinsberger Unternehmens. Als Folgerungen daraus werden der Abbau aller technischen Einrichtungen, Abbau der Gebäude, Beseitigung oder Verwertung der dabei anfallenden Abfälle und Reststoffe genannt. Schließlich trug sogar die von der Polizei zum Castoreinsatz herausgegebene Zeitschrift den Titel "Rückbau bis zu grünen Wiese".

Doch tatsächlich reichen die 800 Millionen Mark Bundesmittel nur für den Komplex der kerntechnischen Bauten. Das bestätigt Pressesprecher Manfred Meurer von den Energiewerken Nord, zu denen der kleine Rheinsberger Atommeiler gehört. "Für darüber hinaus gehende Arbeiten muss die Politik die Entscheidung treffen", sagt Meurer. "Bisher steht nicht fest, ob wirklich eine grüne Wiese übrig bleiben wird." Auch das Brandenburger Umweltministerium spricht von Ungewissheit. Zwar werde ein Großteil der Bauten verschwinden, erklärt Sprecher Jens-Uwe Schade. "Doch das Land kann die zusätzlichen Kosten nicht aufbringen." Ein Totalabriss der gesamten Anlage würde mit weiteren 150 Millionen Mark zu Buche schlagen.

In Rheinsberg und Umgebung sind die Meinungen über die neuerliche Diskussion geteilt. Auf der einen Seite wird ein mögliches neues Gewerbegebiet auf dem Kraftwerksgelände abgelehnt. Schon seit den dreißiger Jahren steht der Stechlinsee unter Naturschutz, so dass sich eine Firmenansiedlung schon deshalb ausschließen würde, heisst es. Andererseits werden im ehemaligen Kraftwerk noch 220 Mitarbeiter beschäftigt, für deren Arbeitsplätze es keinen Ersatz gibt. Gerade viele Ingenieure besitzen durch die Kraftwerksdemontage ein bislang einmaliges Wissen. Deshalb, so lautet gerade eine in Rheinsberg zu hörende Überlegung, böte sich ein Konsultationszentrum an, in dem die Erfahrungen aus dem Kraftwerksabbau weitergegeben werden können.

"Der Gedanke ist nicht neu", sagt Pressesprecher Meurer von den Energiewerken Nord. "Da wir erstmals Reaktoren sowjetischen Typs demontieren, wäre die Nachfrage nach Erfahrungen in ganz Osteuropa sicher sehr groß." Aber das 1966 in Rheinsberg in Betrieb genommene Kraftwerk sei nur sehr klein. Die Anlage in Greifswald/Lubmin mit vier leistungsstarken 440-Megawatt-Blöcken, die ebenfalls abgebaut werden, würde sich für ein mögliches Musterzentrum besser eignen. 1200 Arbeitsplätze seien derzeit am Standort Lubmin noch vorhanden.

Keine Nachhilfe in technischen Fragen

"Dabei brauchen die Kollegen in Osteuropa keine Nachhilfe in technischen Fragen der Kraftwerke", meint Manfred Meurer. "Da kennen sie sich bestens aus." Die deutschen Spezialisten könnten sie vor allem bei Genehmigungsverfahren und Logistik einer Kraftwerksdemontage sowie der Zwischen- und Endlagerung von radioaktiven Abfällen unterstützen. Die EU hatte zwar für diese Idee schon Mittel in Aussicht gestellt. "Aber BSE und die Maul- und Klauenseuche haben uns vorerst einen Strich durch die Rechnung gemacht", sagt er. "Die verschlingen riesige Mittel."

Bis 2009 sollen alle radioaktiv belasteten Anlagen des Rheinsberger Kraftwerkes verschwunden sei. Ob die Wanderer zu diesem Zeitpunkt aber tatsächlich den ganzen Stechlinsee ungehindert umrunden können, bleibt unsicher. "Für die einstmals versprochene grüne Wiese will plötzlich kein Politiker mehr seine Hand ins Feuer legen", sagt ein Einwohner des Dorfes Menz am Kraftwerk. "Wir fühlen uns getäuscht."

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