Krasses Verwaltungsdeutsch : "Fühlst du subjektive Schwierigkeiten?"

Auf einem behördlichen Fragebogen aus Potsdam sollen acht- bis zwölfjährige Schüler mit Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche teils unverständliche Fragen beantworten. Nun wird das Papier überarbeitet.

Jan Brunzlow

Der Fragebogen bereitet Maria H. (Name geändert) noch heute Kopfschütteln. Sie hat sich an das Sozialamt der Stadt Potsdam gewandt, weil bei ihrer zehnjährigen Tochter Rechenschwäche diagnostiziert worden ist, die therapiert werden soll. Sie hat Gutachten, die ihrer Tochter die Rechenschwäche bescheinigen und eine Therapie empfehlen – doch die Stadt verweigert ihr die Hilfe, hat den Antrag auf Kostenübernahme der Therapie nicht genehmigt. Unter anderem, weil ihre Tochter in einem Fragebogen der Stadt angegeben hat, dass sie sich von ihren Mitschülern nicht ausgegrenzt fühlt. „Muss es erst so weit kommen, kann die Stadt nicht präventiv tätig werden?“, sagte Maria H. gegenüber den PNN.

Dabei sorgt allein der Fragebogen für Kritik bei betroffenen Eltern. Denn darin sollen acht- bis zwölfjährige Kinder, die an Rechen- oder Lese-Rechtschreibschwäche leiden 39 teils unverständliche Fragen beantworten. Beispielsweise: „Fühlst du subjektive Schwierigkeiten, aktiv am Leben in der Gesellschaft teilzunehmen“. Und: „Fühlst du einen Rückzugsbedarf aus sozialen Kontakten (Vereinzelung) in der Schule oder im privaten bzw. Freizeitbereich?“ Für Maria H. ist der Fragebogen ein Skandal. Sie hat gegen die Ablehnung der Hilfe durch das Sozialamt Widerspruch bei der Stadt eingelegt und sieht die Stadt in der Pflicht. Dabei wird sie zum Spielball der einzelnen Ämter. Denn das Potsdamer Sozialamt sieht sich als letzte Instanz und müsse erst helfen, wenn Schule und Lehrer mit ihrem Latein am Ende sind und dem Kind die seelische Behinderung drohe, so die Sozialdezernentin Elona Müller-Preinesberger auf Anfrage. Aus ihrer Sicht würden sich die Schulen dies häufig zu einfach machen, obwohl es Aufgabe der Schule und des Landes sei, für die Förderung Lehrerstunden einzuplanen und das differenzierte Lernangebot in der Klasse anzubieten. Darauf hat die Stadt Ende vergangenen Jahres auch das Staatliche Schulamt hingewiesen und gefordert, dass das Ministerium dieser Pflicht besser nachkomme. Die Realität sieht allerdings anders aus. So wie bei Maria H. und ihrer Tochter. Die Mutter hat von der Mathe-Lehrerin den Hinweis bekommen, dass die Probleme sichtbar seien und eine Therapie nötig sein könnte. Das anschließende Gutachten hat dies bestätigt.

Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie geht nach eigenen Angaben davon aus, dass in Deutschland vier Prozent der Schüler von einer Lese-Rechtschreibschwäche betroffen sind. Bei frühzeitiger Erkennung könnten die Probleme meist kompensiert werden. In Potsdam steigen seit vier Jahren die Fälle von diagnostizierter Dyskalkulie oder Legasthenie bei Schülern. Im Jahr 2006 waren es laut Statistik zehn Fälle, im vergangenen Jahr 180 betroffene Kinder. Warum das so ist, darüber kann auch Müller-Preinesberger nur spekulieren. Einerseits sei die Schule womöglich überfordert mit dem Problem, andererseits würden private Hilfeanbieter immer stärker darauf aufmerksam machen und Therapien versprechen, die das Sozialamt bezahle.

Die Stadt gibt allerdings nicht mehr jedem Antrag statt, hat ihr Beurteilungssystem umgestellt. „Es geht nicht mehr jeder Antrag glatt durch“, sagt Müller-Preinesberger. Allein im ersten Quartal dieses Jahres sind elf der 57 Fälle abgelehnt worden. Die Zauberformel des Sozialamtes, ob ein Kind die Hilfe erhält oder nicht, heißt „Teilhabebeeinträchtigung“ – also die Frage, ob eine seelische Behinderung des Kindes droht. Die Stadt wolle nicht sparen, sagt Müller-Preinesberger. Jedoch soll das Geld für die Hilfe denen zugute kommen, die es tatsächlich brauchen. Um dies beurteilen zu können, dazu dient auch der Fragebogen.

Fachleute wie Jörg Kwapis vom Potsdamer Zentrum zur Therapie für Rechenschwäche schütteln nur den Kopf bei solchen Fragen. Der Fragebogen war bereits Thema im Sozialausschuss der Stadt, vertieft worden sei das Thema dort allerdings nicht. An ihn und andere Kontaktstellen in Potsdam wenden sich betroffene Eltern, deren Kinder Hilfe brauchen, weil sie in der Schule Probleme bekommen. Nun hat auch die Stadt reagiert: Müller-Preinesberger hat den Fragebogen nach eigener Aussage bislang nicht gesehen und ihn erst aufgrund der PNN-Nachfrage gesehen. „Die Ausgabe des Bogens ist ab sofort gestoppt“, sagte die Sozialdezernentin. Die Fragen seien nicht kindgerecht und würden überarbeitet. „Zu krasses Verwaltungsdeutsch“, nennt sie es. „Bei den betroffenen Eltern bitte ich um Entschuldigung. Da sind wir übers Ziel hinaus geschossen“, so Müller-Preinesberger.

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