Künftige Stasiunterlagen-Beauftragte : Ulrike Poppe: „Es gab ein richtiges Leben im falschen“

Brandenburgs designierte Beauftragte für die Aufarbeitung der Stasiunterlagen, die frühere Bürgerrechtlerin Ulrike Poppe, spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über ihren neuen Job, über Matthias Platzeck und über ihre eigenen Erfahrungen mit Stasi-Spitzeln.

Ulrike Poppe Foto: David Heerde
Ulrike Poppe.Foto: David Heerde

Wann haben Sie erfahren, dass man Sie für das Amt der Stasiunterlagen-Beauftragten will?



Bei einem Treffen am 22. November, um das Innenminister Speer gebeten hatte.

Haben Sie sofort zugesagt?

Nein, ich habe eine Weile gezögert – auch, weil ich seit 18 Jahren als Studienleiterin an der Evangelischen Akademie eine wunderbar abwechslungsreiche und kreative Arbeit tun konnte.

Was gab dann den Ausschlag?

Das Wissen, dass in Brandenburg in Sachen Aufarbeitung einfach dringend etwas geschehen muss. Und die Hoffnung, dass ich die Fähigkeit besitze, dazu beizutragen, dass die Auseinandersetzung mit der Diktatur und deren Folgen in einer ruhigen, offenen und differenzierten Atmosphäre erfolgen kann.

Mit wem haben Sie sich beraten?

Mit Freunden. Die haben eigentlich alle begrüßt, dass Brandenburg endlich einen Stasi-Beauftragten bekommt.

Aber?

Aber sie waren auch der Meinung, dass dieser Stasi-Beauftragte vermutlich eine Elefantenhaut braucht.

Und? Haben Sie die?

Nein, ganz gewiss nicht. Aber ich habe einige Erfahrungen, um den zu erwartenden Gegenwind auszuhalten. Und ich habe außerdem die Hoffnung, dass ich dafür Mitstreiter finde.

Den Ministerpräsidenten Matthias Platzeck zum Beispiel?

Ja, da bin ich mir ziemlich sicher, dass ich in ihm einen Verbündeten haben werde.

Obwohl er sich erst so spät eine Stasi-Beauftragte holt?

Spät, aber es ist gut, dass die öffentliche Debatte nun gefördert werden soll. Es hat sich gezeigt, dass sich die Vergangenheit nicht auf Dauer unter den Teppich kehren lässt und mit ziemlicher Heftigkeit in die Tagespolitik einwirkt. Und alle politisch Verantwortlichen in Brandenburg haben den Bedarf an Aufarbeitung nun offenbar erkannt.

Für manche Opfer vielleicht zu spät?

Für manche Opfer ganz sicher zu spät, ja. Deshalb werde ich – falls man mich wählt – einen Schwerpunkt meiner Arbeit auf die Opferberatung legen, damit diese Menschen endlich zu ihrem Recht kommen und ihr widerständiges Verhalten angemessen gewürdigt wird.

Was sind weitere Schwerpunkte?

Wichtig ist offenbar auch die Frage, wie Institutionen mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern umgehen sollen. Und die Arbeit an Schulen und in der Lehrerfortbildung.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Stasi-Spitzeln?

Ganz unterschiedlich, deshalb bin ich ja auch für eine differenzierte Betrachtung der Vergangenheit. Einige, sehr wenige, inoffizielle Mitarbeiter haben selbst um ein Gespräch gebeten und sich auch bei mir entschuldigt. Manche bedauerten ihre Tätigkeit und zeigten Reue. Andere hingegen versuchten ihre Stasitätigkeit zu rechtfertigen. Für mich ist entscheidend, wie Menschen heute zu ihrer Geschichte stehen.

Es gibt also ein Recht auf Irrtum?

Natürlich. Ich möchte auch, dass jedem ein Recht auf Umkehr zugebilligt wird.

Und auf Versöhnung?

Die kann man nicht erzwingen. Sie setzt voraus, dass man absolut offen mit seiner Vergangenheit umgeht. Ohne Wahrheit kann es keine Versöhnung geben.

Gab es ein richtiges Leben im falschen?

Aber ja. Ich kenne eine Reihe von Menschen, die versucht haben, so gut es ging, trotz mancher Kompromisse, die man in einer Diktatur machen musste, ein richtiges Leben im falschen zu führen: ein Leben in Wahrheit, wie Vaclav Havel es genannt hat.

Das Interview führte Sandra Dassler.

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