Kultur : Auf Wiedersehen in der Wellnesshölle

Ein Geistergespräch mit der Schriftstellerin Irmtraud Morgner – diese Woche wäre sie 75 geworden

Jens Sparschuh

Neulich, spätabends, als ich mal wieder spirituellen Kontakt mit Irmtraud Morgner hatte, erzählte ich ihr von der diesjährigen Geburtstagsparty zu ihrem 75., ausgerichtet von der Lila Villa in Chemnitz. Sie knurrte guttural, was man bei ihr unbedingt als Zustimmung werten muss. Um sicherzugehen, fragte sie aber noch mal nach: „… also, du meinst wirklich in der Stadt mit den drei O’s?“

„Wirklich“, antwortete ich, „in Korl-Morx-Schtodt.“

„Und sonst so?“ fragte sie nach einer nachdenklichen Weile.

Was sollte ich sagen? Als ich ihr stockend von der etwas sporadischen Erscheinungsweise ihrer Romane auf dem deutschen Buchmarkt berichtete (ab und zu geistert da was herum – aber keine handgreifliche Werkausgabe im Taschenbuch!), lachte sie einfach. „Und das wundert dich?“ fragte sie.

„Ja“, sagte ich auf meine schlichte Art, „das wundert mich schon.“

Unsichtbar, aus jenseitiger Ferne, schüttelte sie den Kopf über meinen hoffnungslosen Optimismus. „Ach Sparschuh’chen, du weißt doch sonst immer alles.“

Hier wusste ich aber tatsächlich nicht weiter… Doch! Der Berliner Verbrecher Verlag hatte sich ja jüngst erst eines ihrer Bücher, der „Wundersamen Reisen Gustavs des Weltfahrers“, angenommen – immerhin.

„Ich erscheine jetzt also… in einem ‚Verbrecher Verlag’. Warum nicht. Geht in Ordnung. Das scheint mir auf einem Verständnis zu beruhen.“

Leider war unsere telepathische Verbindung dann mehrmals knackend gestört, wie damals, als unsere leidenschaftlichsten Fans, die Literaturliebhaber von der Staatssicherheit, mit rot aufgestellten Ohren kein Sterbenswörtchen von dem, worüber wir uns quicklebendig unterhielten, verpassen wollten.

So kann ich mich nicht mal dafür verbürgen, wer von uns beiden die folgende Gedankenkette in Gang gesetzt hatte: Alpine Bücherberge in den Buchhandelsketten – Scheiterhaufen – Auf denen scheitert die schöne Literatur … oder so ähnlich. (Da es ein klein wenig kalauert, nehme ich das im Zweifelsfall auf meine Kappe.)

Ein Verständigungsproblem gab es auch bei dem von mir ins Gesprächsspiel gebrachten Terminus „Energiekrise“. Die Morgner wollte das unbedingt als „geistige Energiekrise“ verstanden wissen; ich konnte ihr da nicht widersprechen – und denke eigentlich bis jetzt noch darüber nach.

„Lass mal“, sagte sie zum Schluss, „wir sprechen uns in hundert Jahren wieder, dann wollen wir doch mal sehen.“

„In hundert Jahren?“

„Ja.“

„Und wo?“ rief ich noch, ihres Geistes gegenwärtig, da ich mir über den Treffpunkt für unsere Verabredung nicht ganz klar war.

Statt einer Antwort blubberte und zischte es nur höllisch im Apparat. Aha! Also doch, dort unten … Es roch stark nach Schwefel, aber vielleicht nur, weil ich mir mit einem Streichholz eine Dunhill-Pfeife angezündet hatte. „Gut, gebongt also!“ rief ich, zwischen zwei Zügen, zurück. Dann war Funkstille. Ich stelle mir das übrigens wundervoll vor. Energiekrise hin oder her – immer wird einem da schön eingeheizt.

Glühende Aufgüsse, blubbernde Whirlpools zwischen künstlichen Palmen. Hin und wieder ein paar eiskalte Cocktails. Die Hölle: eine unendliche Wellness-Sauna-Landschaft. Man lässt, sofern man sie hat, seine unsterbliche Seele baumeln …

Wenn man schon tot sein muss – zum Teufel noch mal –, dort unten muss es sich doch ganz kommod mit euch leben lassen, liebe Beatriz, liebe Amanda, liebe Hera – liebe Irmtraud!

In Chemnitz findet vom 22. bis 24. August ein Gedenkwochenende für Irmtraud Morgner statt. Weitere Informationen: www.irmtraud-morgner.de. Im Berliner Verbrecher Verlag liegt neben den „Wundersamen Reisen“ auch ein Band mit Erzählungen vor, im Leipziger Faber & Faber Verlag ist letztes Jahr der Hexenroman „Amanda“ neu erschienen.

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