Alte Nationalgalerie : Carl Gustav Carus: Ein Genie und sein Universum

Der Blick aufs Ganze: Die Alte Nationalgalerie Berlin erinnert an den Maler, Mediziner und Forscher Carl Gustav Carus

Bernhard Schulz
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Carl Gustav Carus: Mondnacht bei Rügen, 1819.Foto: Staatliche Museen Berlin

Kunst und Wissenschaft haben sich nicht mehr viel zu sagen. Gewiss, es gibt gut gemeinte Versuche, den tiefen Graben zwischen beiden zu überbrücken. Doch zu mehr als hochmögenden Podiumsgesprächen reicht es meist nicht. Zu aufwändig ist die apparative Naturwissenschaft geworden, zu egozentrisch andererseits die allein auf den Künstler bezogene Produktion, als dass ein Dialog stattfinden könnte.

Geschweige denn eine organische Verbindung. Dafür steht, als einer der historisch Letzten, Carl Gustav Carus. Dem 1789 in Leipzig geborenen, bereits im Alter von 25 Jahren als Professor für Geburtshilfe in die Residenzstadt Dresden berufenen Mediziner dünkte die „Kunst als Gipfel der Wissenschaft“ – und das als zeitlebens forschender Wissenschaftler wie ausübender Künstler. Noch zu Lebzeiten musste er das Auseinandertreten von künstlerischer und wissenschaftlicher Erkenntnis erfahren. Er starb 1869 im Alter von 80 Jahren, Darwins Siegeszug erreichte ihn noch über die ganzheitliche Sicht seines Freundes und Korrespondenzpartners Alexander von Humboldt. Und Goethe, der heiß bewunderte Goethe, den Carus ein einziges Mal in Weimar besuchen konnte, war seit 1832 tot. Mit ihm starb auch das Ideal, das Carus in seinen umfassenden Interessen und seiner staunenswerten Produktivität geleitet hatte.

Aus Dresden, wo Carus seit jeher ein Säulenheiliger ist, kommt nun in die Berliner Alte Nationalgalerie die umfassendste Ausstellung, die dem Künstler- Mediziner-Naturforscher je zuteil geworden ist. Zur Erstpräsentation häuften sich die zu erwartenden Vergleiche, die Carus den anderen Dresdner Romantikern insbesondere der 1820er und 1830er Jahre gegenüberstellen, den Jahrzehnten von Carus‘ herausragender künstlerischer Schaffenskraft. Die Ausstellung selbst gibt mit einer entsprechenden Abteilung der Vorahnung selbst Nahrung, dass Caspar David Friedrich, Professor an der Königlichen Akademie seit 1824, der bedeutendere Künstler war.

Friedrich, um dessen Freundschaft Carus lange gerungen hat, war ein kompromissloser Einzelgänger; zunehmend auch schwierig, was sich als Anzeichen einer zum Tode führenden Erkrankung erst aus dem Rückblick erschloss. Carus neidete dem Freund nichts; zu seinem eigenen Kunstbesitz zählte ein Mondschein-Gemälde, das Friedrich ihm vermutlich bereits 1819 geschenkt hatte. Carus selbst war in einer Weise in den Diskurs seiner Zeit eingebunden, dass allein schon die Tatsache seiner außerwissenschaftlichen Beschäftigungen Bewunderung erregt. Der eigene gesellschaftliche Rang als einer der Leibärzte des sächsischen Königshauses (seit 1827) stand der Wahl zum Vorsitzenden des Sächsischen Kunstvereins wenige Jahre später nicht entgegen, während die späte Wahl zum Präsidenten der Leopoldinisch-Carolinischen Akademie der Naturforscher im Alter von 73 Jahren als Krönung seiner wissenschaftlichen Laufbahn gelten kann.

Wie steht es nun um Carus‘ Kunst? Berlin besitzt seit 1992 eines der heitersten Werke, den nur papierblattgroßen „Balkon in Neapel“ von 1829, ein Fensterbild als ganz und gar diesseitiges Versprechen auf einen herrlichen Tag. Sofort denkt man an Franz Ludwig Catels herrliches Situationsbildnis „Schinkel in Neapel“ von 1824, das gleichfalls in der hiesigen Nationalgalerie bewahrt wird. Doch Carus‘ Bildchen ist eher die Ausnahme, wie auch das gleich große Pendant aus Düsseldorf, die „Kahnfahrt auf der Elbe“. Da ist Dresden in der Ferne zu sehen, als sei’s nicht Elbflorenz, sondern Elbvenedig, und der Kahn, aus dem heraus die Stadt gesehen ist, eine Gondel in der Lagune.

Ansonsten liebt Carus das Dunkle, das im damaligen wie erst recht im heutigen Verständnis Romantische. Da lässt die bereits versunkene Sonne einen schmalen Streifen am Horizont erglühen, da scheint – häufig genug – ein fahler Mond, da stehen Menschen stumm in Rückenansicht und in Gedanken versunken. Den „betont romantischen Aufwand“ bei Carus zu kritisieren, ist nicht neu, bestätigt sich aber anhand der Fülle dieser Ausstellung aufs Neue. Und doch wird diese Kritik dem Forscher-Künstler nicht wirklich gerecht.

Carus hat, eher noch als Caspar David Friedrich, Programmbilder gemalt – nicht ohne Grund heißt die Ausstellung im Untertitel „Natur und Idee“. Er hat Dresden über alles geliebt, die Stadt, die dem jungen Arzt gleich nach den Befreiungskriegen eine respektable Anstellung bot. Aber er hat auch auf Reisen nicht vergessen, woher er kam. Zwei Bilder von Bacharach am Rhein aus den 1830er Jahren begleitet er mit patriotischen Worten: „Es ist mir, als habe ich nun erst ein Vaterland, mein Vaterland gefunden! Ja, mir ist es mehr als Italien, denn es ist mein Land, es ist Deutschland.“

Die Romantik, zumindest die der nördlicheren deutschen Länder, ist keine bloße Stilrichtung, sondern politisches Bekenntnis in einer zerteilten Nation.

Was bei den Gemälden Programm ist, kommt bei den Zeichnungen ganz ungezwungen daher. Wie so oft, ist auch bei Carus der Zeichner dem Maler mindestens ebenbürtig. „An Bord eines Steinschiffs“ von 1819 ist ungeschminkter Lebensalltag – und großartig in den leer gelassenen Partien, die sich als helle Planken zu erkennen geben. Die in Grau und Braun aquarellierte Bleistiftzeichnung der Frauenkirche von 1824 weist voraus auf den nüchternen Realismus eines Menzel, der sich dieses Motivs gleichfalls angenommen hat. Und die italienischen Skizzen sind Notate eines Künstlers, der wusste, dass er ins Sehnsuchtsland südlich der Alpen kaum je würde zurückkehren können. Was uns Heutigen da an Wahrnehmungsfülle verloren gegangen ist, lassen solche Blätter zumindest erahnen.

Die Ausstellung macht es dem Betrachter gar nicht leicht, die künstlerische Entwicklung für sich zu verfolgen. War da nicht das große Wort vom „Gipfel der Wissenschaft“? Also ist in hübsch altertümelnden Vitrinen das ganze Rüstzeug eines Naturforschers ausgebreitet (wie daneben in aller Ausführlichkeit auch das des Mediziners, samt Gebärstuhl und dergleichen). Diese Totalansicht auf die Person Carus ist einerseits spannend, weil sie den Künstler in den Kontext seiner Zeit zurückholt. Aus demselben Grund aber ist sie auch zugleich problematisch, weil so die Kunst zur zeitgebundenen Illustration verkleinert zu werden droht.

Immerhin bleibt festzuhalten, dass die Geburtszangen, mit denen Carus nicht weniger als 2589 Dresdner Kindern auf die Welt half, längst überholt sein dürften – die Kunst dieses uomo universale ist es nicht. Sie ist im Gegenteil – man denke nur an den Denkmalsstreit ums Dresdner Elbtal – von jener Aktualität, die alles groß Gesehene adelt. Carus ist kein zweiter C.D. Friedrich, das nicht; aber aus seinem Dresdner Lokaldasein herausgehoben zu werden, das hat er ausweislich dieser vorzüglichen Ausstellung allemal verdient.

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