Anton Henning : Schlingeleien

Der Maler und Möbeldesigner Anton Henning ist derzeit in Berlin gleich mit zwei Ausstellungen vertreten. „Gegengift“ im Haus am Waldsee ist eine Kampfansage an den Mainstream der Malerei.

Nicola Kuhn

Ein Zufall nur, doch sind innerhalb weniger Tage zwei Ausstellungen eröffnet worden, in denen die Künstler nicht allein ihre eigenen Werke zeigen, sondern den ganzen Ort okkupieren, ihn sich einverleiben. Beiden geht’s um Ganze, das Bild an der Wand allein genügt nicht mehr. Während Thomas Demand mit seiner Schau „Nationalgalerie“ den theatralen Charakter, das Bühnenhafte des Mies van der Rohe-Baus unterstreicht, verwandelt Anton Henning das Haus am Waldsee in eine möblierte Villa zurück.

Noch etwas verbindet die beiden, obwohl die kühl-intellektuelle Herangehensweise des Fotokünstlers Demand und das barocke Temperament des Multitalents Henning höchst unterschiedlich sind: Nach langer Zeit des Wartens haben sie zuletzt doch noch ihre institutionelle Ausstellung in Berlin erhalten, nachdem sie von Museen andernorts längst gewürdigt worden sind. Gerade darum macht sich das Haus am Waldsee verdient: das kreative Potenzial der Stadt zu zeigen, ihre Internationalität herauszukehren. Bei Henning passt dies nur bedingt, denn der gebürtige Berliner wuchs wenige Kilometer entfernt am Wannsee auf. Im Haus am Waldsee besuchte er seine ersten Ausstellungen als Kind. Als gemachter Künstler kehrt er nun zurück.

„Gegengift“ nennt er seine fulminante Inszenierung, mit der er durch Opulenz, erotische wie kunsthistorische Anspielungen, Witz, Klugheit, malerische Eleganz besticht. Henning ist durch seine Vielseitigkeit eine singuläre Erscheinung im Kunstbetrieb: Für den Maler, Bildhauer, Möbeldesigner, Filmemacher und Musiker gibt es kein Schema, in das er sich pressen lässt. Er lebt die totale Kunstfreiheit und macht, was ihm gefällt. So zieht er in einem Film als Schlittschuhläufer auf dem Eis eines Neuruppiner Sees einsam Kurven, Schlängellinien entstehen, wie man sie von seinen Bildern kennt. Am Ende der minutenlangen Kurverei mit Puck und Eishockeyschläger fährt er zur Kamera hin und spricht: „Voilà!“. Na bitte, auch das ist Kunst.

Sein Ausstellungstitel „Gegengift“ ist eine Kampfansage an den Mainstream der Malerei. Wer außer Henning wagt heute noch, ernsthaft Porträts, Landschaften, Stillleben, Akte zu malen? Welcher Künstler zeigt schon unverblümt, wie seine Bilder über einem Sofa aussehen? Als Höhepunkt solcher Fragwürdigkeiten zeigt Henning ein Familienporträt, bei dem sich die Bildnisse seiner Frau, seiner drei Kinder und sein eigenes im Kreise drehen, angetrieben von altmodischen Ventilatoren – so dass auf der Rückseite Totenköpfe sichtbar werden.

Henning versteht sich als Maler der alten Schule, der seine Vorgänger studiert. Nonchalant, gleichwohl respektvoll offenbart er seine Quellen, zitiert Arp, Delaunay, Picasso, Courbet. Der virtuose Maler weiß nur zu gut, dass es in der Kunst nichts wirklich Neues gibt, die Avantgarde ein Mythos ist. Deshalb greift er umstandslos auf die Werke seiner Heroen zurück.

Auf eigenwillige Weise erteilt Henning damit Kunstgeschichtsunterricht. Wer seine Bilder sieht, lernt auch die anderen kennen. Picabia, der als einer der ersten das Triviale in die Kunst aufnahm, hätte es gewiss gefallen, wie Henning sein Werk kopiert und das abstrakte Vorbild durch Hineinmalen eines Bauchnabels und eines Büschels Schamhaare erotisch auflädt.

Für den Tausendsassa Henning stellen weder Zeit noch Raum Barrieren dar. Zeit überbrückt er mittels Film, den Raum erobert er als dilettierender Bildhauer, der seine Malerei einfach in die dritte Dimension überträgt, indem er aus vier quadratischen Leinwänden einen Würfel baut und ihn auf Spitze stellt. Seine Lust, sich künstlerisch in alle Sphären zu verbreiten, ist grenzenlos. Entsprechend setzen sich Hennings farbige Schlängel in Gestalt abstrakter Skulpturen fort, die sich jedoch als so formvollendet erweisen, dass sie niemand vom Sockel stoßen würde – den der Künstler selbstverständlich ebenfalls gestaltet hat.

Nur auf den ersten Blick wirkt diese Strategie wie Spielerei. Wer die große, parallel im Kolbe-Museum gezeigte Installation „Oase“ studiert, erkennt sofort, dass jedes Objekt millimetergenau auf dem – natürlich von Henning entworfenen – Teppich steht. Beide Ausstellungen ergänzen sich ideal. Im Haus am Waldsee wird in Erinnerung an die Villenvergangenheit der bürgerliche Salon imitiert, das Heim eines unkonventionellen Sammlers präsentiert, dessen Kollektion nicht von sechs, sieben Künstlern stammt, wie es scheint, sondern auf den multiplen Fähigkeiten eines Einzelnen basiert. Im Museum an der Sensburger Allee wird hingegen das ehemalige Atelier des Bildhauers Georg Kolbe angespielt, indem Henning sein Motiv- und Formenrepertoire vorführt, das ihn wie den einsamen Wüstenwanderer in einer Oase mit Labsal versorgt. Bis zur nächsten verwandten Künstlerseele ist es eben weit.

Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30, bis 29. 11.; Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 15. 11.. Katalog 14,80 €.

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