Ausstellung : Die Vermessung des Urwalds

Arbeit am Mythos: Eine Ausstellung im Berliner Gropius-Bau sucht Gemeinsamkeiten in der Kunst der Tropen.

Christina Tilmann
elefanten Foto: Courtesy Johnen Berlin
Traurige Tropen. Candida Höfer fotografiert Elefanten im Zoo - auch das prägt unser Tropem-Bild. -Foto: Courtesy Johnen Berlin

Kaum sind wir drei Räume weit gekommen, liegen die Kuratoren in heftigem Streit. Die Diskussion entbrennt angesichts einer Maske. „Kunst, eindeutig Kunst“, ruft Peter Junge, der für die Ausstellung „Die Tropen“ den Part „alte Kunst“ verwaltet. Die Maske ist zwar erst von 1950, wirkt aber wie aus dem 19. Jahrhundert. „Unser europäisches, evolutionäres Kunstgeschichtsbild hilft hier nicht weiter“, schimpft Junge: Wir hätten zur Auseinandersetzung mit afrikanischer Kunst nie die richtigen Kriterien gehabt. Was heißt schon alt, was heißt zeitgenössisch? Viola König hingegen, Direktorin des Dahlemer Museums, wirft den Begriff „indigene Kunst“ in den Raum: Kunst, die nicht für den europäischen Markt, sondern für die eigenen Bedürfnisse geschaffen wurde. „Nach diesen Kriterien ist auch Renaissance-Kunst indigene Kunst“, kontert Junge, während König und der Mitkurator Alfons Hug heftig diskutierend weiterwandern.

Mehr Dissens als Einigkeit, mehr Fragen als Antworten, mehr Experiment als Endergebnis: „Die Tropen“, als Kooperation zwischen dem Goethe-Institut und den Dahlemer Museen entstanden und nach erfolgreichen Stationen in Brasilien nun in wesentlich erweiterter Form ab morgen im Berliner Gropius-Bau zu sehen, ist in jeder Hinsicht ein aufregendes Ausstellungsprojekt. Eins, das zu viel will, sehenden Auges Oberflächlichkeit riskiert, und trotzdem so nachdenklich macht wie lange keines mehr. Es geht um grundlegende Zuschreibungen wie alt und neu, zentral und peripher, um Evolution, um Zeit und Raum. Es geht darum, wie wir mit der Kunst außereuropäischer Länder umgehen, mehr noch, wie sehr sich der europäisch geprägte Kunstbegriff durch die Auseinandersetzung mit außereuropäischer Kunst relativiert. Kunstkritik und Kunstentwicklung habe es in diesen Ländern längst gegeben, so Peter Junge, der schon in seiner Neuinszenierung der afrikanischen Abteilung in Dahlem konsequent dafür plädiert hatte, die Objekte als hochwertige Kunstwerke, nicht nur als ethnologisches Anschauungsmaterial zu verstehen. Nicht alle Kollegen sahen das gern.

Als Testballon für das künftige Humboldt-Forum will Klaus-Dieter Lehmann die Ausstellung in seinem Katalogvorwort verstanden wissen. In seiner Person vereint der heutige Präsident des Goethe-Instituts und ehemalige Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz beide Kooperationspartner und ist gleichzeitig Erfinder des für den Schlossplatz vorgesehenen Humboldt-Forums als Zentrum außereuropäischer Kulturen in Berlin. Und auch wenn die Kuratoren selbst den Namen Humboldt schon etwas ausgereizt finden – Neuland im Bereich außereuropäischer Kunst betreten sie allemal. Ein bisschen wird einem für die künftige Einrichtung am Schloßplatz bange: Diese Ausstellung macht deutlich, wie ungesichert das Terrain ist. Vielleicht ist diese Form von essayistischer Beschäftigung mit außereuropäischer Kunst nur ein temporärer Exkurs, vielleicht auch die Lösung für die Zukunft. Wer weiß.

Das beginnt schon beim Gegenstand: Die Tropen, jenen 5000 Kilometer breiten Gürtel rund um den Erdball zwischen den Wendekreisen von Steinbock und Krebs, als zusammenhängenden Kulturraum zu begreifen, wäre wohl niemandem in den betroffenen Ländern eingefallen. Während der Begriff in Lateinamerika zur Nationalkultur gehört – der aus der brasilianischen Musik stammende Begriff Tropicalismo hat sich längst als Kunst- und Kulturbegriff etabliert – und sich auch in Thailand etwa mit Apichatpong Weerasethakuls Film „Tropical Malady“ tropisches Bewusstsein zeigt, sind andere Länder in Asien und Afrika eher befremdet von der Vorstellung, als tropische Region vereinnahmt zu werden, erzählt Alfons Hug. So sei man etwa in Japan der Meinung, dem Problem tropischer Temperaturen könne man mit Klimaanlagen begegnen. Und auch in Afrika sei man auf der Suche nach tropischen Themen gescheitert.

Die Gemeinsamkeiten ergeben sich eher für ein europäisches Auge. „Nach Südamerika sind die Tropen in Europa am populärsten“, bestätigt Hug. So verdankt sich die Ausstellungsidee vor allem der Tatsache, dass der Leiter des Goethe-Instituts in Rio eine neue Tropenbegeisterung unter europäischen Künstlern ausmachte. Franz Ackermann, Andreas Gursky, Thomas Struth, Hans-Christian Schink, Julian Rosefeldt, Candida Höfer, sie alle waren – oft auf Einladung des Goethe-Instituts – in Brasilien und Venezuela, Guatemala oder Peru unterwegs. Und spätestens seit dem Riesenerfolg von Daniel Kehlmanns „Die Vermessung der Welt“ und der vom Eichborn Verlag aufwendig beworbenen monumentalen „Kosmos“Neuausgabe von Alexander von Humboldt sind die Tropen im Populärbewusstsein wieder präsent. Es ist allerdings, noch immer, der Blick auf das faszinierende Fremde.

Die Merkmale, die die deutschen Ausstellungsmacher für die Tropenregion ausgemacht haben wollen, zeugen vom fortlebenden Mythos: Üppigkeit, wuchernde Vegetation, Farbenreichtum, Antirationalismus und Romantik, das sind Begriffe, mit denen Hug arbeitet, um Hans-Christian Schinks Wasserfall-Fotos (ganz im Geist der europäischen Romantik), die überquellende Rauminstallation des Schweizer Duos Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger aus Fundstücken brasilianischer Wegwerfkultur oder die Karnevalbilder von Mauricio Dias und Walter Riedweg zu beschreiben. Da wuchert das üppige Grün des Urwalds, Masken und Kostüme verschwimmen im Sambarausch, in Hitze, Exotik, Erotik.

Doch die europäische Annäherung ist nur eine Seite. Das Konzept ist weit ehrgeiziger. Konsequent konfrontiert die Ausstellung zeitgenössische Kunst mit den reichen Beständen des ethnologischen Museums in Dahlem. Sieben Kapitel, zu Natur und Landschaft, Menschenbildern, Macht und Konflikten, Farben, Klängen und der Stadt, werden mit – geografisch nicht zusammengehörigen – Objektpaaren bestückt. Da treffen Fotos der Dschungelstädte Machu Picchu oder Angkor Wat auf aztekische Reliefs, afrikanische Ahnenbilder oder Machtsymbole aus Mali auf zeitgenössische Porträts wie die anrührende Fotografie eines brasilianischen Portiers von Caio Reisewitz oder die zähnebleckende Gummimaske von Marcos Chavez. Guy Tilliam beobachtet eine Wahl in Kinshasa, Mark Dion baut im Gropius-Bau einen Dschungel-Shop nach, und eine eigene Abteilung ist dem tropischen Barock gewidmet.

Viele Themen. Viele Perspektiven. Natürlich ergeben sich faszinierende Fragen: Warum zum Beispiel ähneln die farbigen Stoffe aus Guatemala denen aus dem Goldenen Dreieck, obwohl keine Handelsbeziehungen zwischen den Regionen bestanden? Wieso tauchen in einem zeitgenössischen Kunstwerk eines Aborigine-Künstlers die gleichen Formen auf wie auf einem Giebelfragment aus Papua-Neuguinea? Was haben holländischer Käse oder Nagellack in einem abgelegenen Dschungel-Shop verloren?

Für einen tiefer gehenden Dialog, für eine auch wissenschaftlich fundierte Suche nach Gemeinsamkeiten hätte es eines Kuratorenteams bedurft, das Vertreter der betroffenen Länder umfasst. Außerdem gebe es noch immer keinen SüdSüd-Dialog, beklagt Hug. Am Ende gleicht für den europäischen Blick ein buntes Tuch dem anderen, eine Ahnenmaske der anderen. Eine „Migration der Formen“, wie etwa die Documenta 12 sie ausmachen wollte, landet fast zwangsläufig bei oberflächlichem Typenvergleich. Auch das ist ein Problem, mit dem das künftige Humboldt-Forum sich wird auseinandersetzen müssen.

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