Ausstellung : Island in Sicht

Sehnsucht kann tödlich sein. Die Ausstellung „True North“ der Deutschen Guggenheim Berlin zeigt Einblicke in die Sehnsucht nach der Kälte.

Christina Tilmann

Wo die Reise in den Norden, die Suche nach Einsamkeit, Unberührtheit und unendlichen Weiten hinführen kann, verrät Sean Penns Film „Into the Wild“ gerade eindrucksvoll im Kino: Für den Amerikaner Christopher McCandless endet der Nordtrip im Hungertod, in einem verwahrlosten Wohnwagen irgendwo in Alaska. Drumherum: großartige Landschaftspanoramen, majestätische Natur. Nur dass der Mensch nicht mehr Teil von ihr ist.

Der Norden als Sehnsuchtsland: Das thematisiert nun eine Ausstellung in der Deutschen Guggenheim Berlin. Inspiriert von Caspar David Friedrich und anderen Romantikern des 19. Jahrhunderts, die im Eismeer, dem kühlen Blau des Nordens die Idee des Jenseits, des Überirdischen, Unendlichen sahen, beschäftigen sich sieben zeitgenössische Künstler mit unserem heutigen Blick auf den Norden.

Auch hier gibt es das menschliche Staunen vor dem ewigen Nichts. Elger Esser, der Romantiker aus der Becher-Schule, hat auf seiner monumentalen Fotografie „Ameland-Pier X“ das Bild fast in Abstraktion aufgelöst. Weiß der unendlich weite Himmel, weiß auch die schimmernde Wasserfläche, dazwischen, schmal wie der Horizont, Grasflächen, Inseln, Land – nicht viel mehr als ein schwarzer Strich. Es erinnert an Bilder von Mark Rothko, dieses Foto, an die niederländischen Landschaftsbilder oder an See-Bilder Sugimotos. Romantisch ist das nicht. Aber verführerisch leer.

So unberührt allerdings kommt die Natur nur noch selten daher. Viel häufiger ist den Nordlichtern unter den heutigen Künstlern das Wissen um den zerstörerischen Eingriff des Menschen eigen. Sei es bei den im Rückzug befindlichen Eisbergen, die der isländische Künstler Olafur Eliasson aus dem Flugzeugfenster fotografiert hat, sei es in der künstlichen Winterwelt einer Skisporthalle in Tokio, die Armin Linke fotografiert hat – die Halle ist übrigens inzwischen auch wieder abgerissen. Selbst die in schöner Regelmäßigkeit horizontal über den Hang verlaufenden Skispuren, die Thomas Flechtner in den Tiefschnee gezeichnet hat, sind nur für die Dauer der Belichtung vorhanden. Dann verweht sie der Wind.

So weit, so vorhersehbar. Wintersport, Klimakatastrophe und die Entfremdung des modernen Menschen von der Natur. Das Thema ist groß, die Räume Unter den Linden sind klein, und die Auswahl der New Yorker Kuratorin Jennifer Blessing aus der hauseigenen Sammlung nimmt sich ziemlich beliebig aus. Kaum, dass die Arbeiten für sich überzeugen. Roni Horn zeigt in einer Fotoserie ausgestopfte Tiere und ein älteres isländisches Ehepaar, das sich eine amerikanische Fernsehserie ansieht. Stan Douglas überblendet zwei Videoaufnahmen der Küste bei Vancouver, um die sich im 18. Jahrhundert die Engländer und die Spanier stritten, und unterlegt sie mit zwei sich überlappenden Audiokommentaren. In „Palindrome“ von Orit Raff legt eine junge Frau im Pelzmantel barfuß Filzmatten aufeinander, während draußen ein Kojote um den Iglu streift. Beuys lässt grüßen, und auch zum einsamen Tod des Christopher McCandless ist es nicht weit.

Dass einem zum Thema auf Anhieb ein Dutzend weiterer Künstler einfiele, wie Isaac Juliens Videoarbeit „True North“, von dem die Ausstellung sogar den Titel klaut – geschenkt. Aber warum nicht, wenn man sich schon auf die deutschen Romantiker bezieht, zumindest einen Caspar David Friedrich als Gegenbild? Und wenn die Ausstellung eine Hommage an den 2006 verstorbenen New Yorker Kunsthistoriker Robert Rosenblum und sein bahnbrechendes Werk „Die moderne Malerei und die Tradition der Romantik“ sein soll, warum dann kein Text von ihm? Warum, nur um zwei Beispiele zu nennen, kein Zitat von Thoreau oder aus Hans Christian Andersens „Schneekönigin“? Immerhin: Der kanadische Pianist Glenn Gould wird mit seinem Hörspiel „The Idea of North“ als Edition wieder ausgegraben, und es gibt eine begleitende Filmreihe des Arsenals, die von „Nanook, der Eskimo“ über Ang Lees „Eissturm“ bis zu Luc Jacquets „Die Reise der Pinguine“ einschlägige Nord- und Winterfilme versammelt.

Doch den schönsten Kommentar zum Thema hat Olafur Eliasson schon im März 2006 in der Galerie neugerriemschneider in Berlin geschaffen, indem er sechs Tonnen isländisches Gletschereis in den auf minus sechs Grad heruntergekühlten Galerieraum wuchtete. Da lagen sie und schimmerten verführerisch, urzeitlich, fragil und vergänglich. Verglichen damit nimmt sich die Guggenheim-Ausstellung, trotz ihrer wenigen Werke, seltsam geschwätzig aus.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 13. April, täglich 10 bis 20 Uhr, Do bis 22 Uhr, Mo Eintritt frei. Katalog 27 Euro.

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