Ausstellung : Telefon trifft Puppe

Angriff auf die Romantik: Der Berliner Fotograf Oliver S. Scholten kombiniert Wirklichkeiten

Hans-Jörg Rother

Oliver S. Scholten macht Gegensätze sichtbar. Was hat ein Obdachloser, der in einer Telefonnische einer Budapester Metrostation seine provisorische Schlafstatt gefunden hat, mit den Glücksautomaten einer Bar zu tun? Was verbindet die schießwütige Figur vor dem Gitterfenster eines Spielzeugladens mit der kopflosen Kleiderpuppe in einem Kinderzimmer? Was ein Sortiment roter Feuerlöscher mit der Balkonfassade eines Plattenbaus? Hat der Obdachlose beim Glücksspiel alles verloren, wird das Kind später zum Gewalttäter, muss demnächst in jeder Wohnung ein Brand gelöscht werden? Allerorten erkennt Scholten apokalyptische Zeichen. Seine Serie mit der ironischen Überschrift „perfect world“ (die Bilder werden nur im Doppel verkauft) mutiert zu einer verblüffenden Sammlung für sich gesehen banaler, erst in der Gegenüberstellung bestürzender Detailansichten.

„No way out“ hat der 1963 in Berlin geborene Absolvent der Lette-Schule über seine Werkauswahl in der Galerie imago fotokunst geschrieben. Diesen Titel trägt auch die verführerisch schöne, großformatige Doppelaufnahme eines herbstlich leuchtenden Rastplatzes an der Autobahn, von der man jedoch nichts sieht: ein weißer Tisch mit einer Thermoskanne und einem Stullenpaket, zwei Bänke und dahinter einen von der Morgen- oder Abendsonne angestrahlten Waldrand. Nur Menschen gibt es in diesem Idyll nicht mehr. Im zweiten Bild ist (aus dem Computer) ein Reh auf die Wiese getreten und das romantische Bild durch Übertreibung ad absurdum geführt.

Ohne Farbe würde die Serie ihre Anziehungskraft verlieren, doch sie bleibt stets dezent, fast pastellartig, als könne der Fotograf die schreiende Buntheit des Alltags nur gefiltert zur Kenntnis nehmen. Noch nüchterner fallen die mit einer alten Polaroid-Kamera hergestellten schwarz-weißen Bilddokumente vom Baugeschehen um den Alexanderplatz aus: „Entropolis 2001/5“. Fast schmerzhaft sind diese – oft aus schräger Perspektive festgehaltenen – Blicke in Baulöcher und Abrisshäuser, die von neu gewonnener Funktionalität nichts wissen wollen. Romantiker sehen gleich die Apokalypse, wo die nüchterne Realität in ihren Traum einbricht.

Imago Fotokunst, Auguststr. 29c, bis 13.2., Die-Fr 12-19 Uhr, Sa/So 14-18 Uhr.

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