Babylon-Ausstellung : Babel der Welt

Türme, Trümmer, Träume: Die große Babylon-Ausstellung im Pergamon-Museum – und der Kampf von Mythos und Wahrheit.

Rüdiger Schaper

Metropolis, Megalopolis, Weltzivilisation und Barbarei. Man kann die Dimensionen gar nicht groß genug aufziehen. Fantastische Vorstellungen ergreifen die Vergangenheit ebenso wie die Zukunft, wenn von Babylon die Rede ist. In den zwanziger Jahren galt New York (und auch Berlin) als „New Babylon“. Ob es in 2500 Jahren am Hudson so wüst aussieht wie heute am Euphrat? Gustave Doré zeichnete 1872 „London in Ruinen“, einen babylonisch inspirierten Alptraum.

Babylon, ein Wandermythos. Er zieht sich durch Zeiten und Kulturen und ist sehr real. Zur Mythologisierung trägt die Tragödie bei, dass diese vielleicht bedeutendste aller antiken Stätten nicht zugänglich ist. Ein Besuch im Irak gliche einem Selbstmordversuch. 2002 war es mit etwas Reiseglück trotz des internationalen Embargos gegen den Irak noch möglich: ein Spaziergang durch die menschenleeren Paläste Nebukadnezars, über die Prozessionsstraße hin zum Löwen von Babylon, der einen menschlichen Körper unter sich begräbt.

Der Despot Saddam Hussein sah sich in der Nachfolge der babylonischen Herrscher, er hatte in den achtziger Jahren mit hellen (und mit seinem Namen signierten) Lehmziegeln jene Mauern wieder aufbauen lassen, die zu den Wundern der Antike gehörten. Babylon, ein Jahr vor dem letzten Irakkrieg: Unter der gleißenden Sonne blitzte in den endlos-gigantischen Palastfluchten die nackte Größe Babels auf, das Skelett einer Stadt, menschenleer. Und bald – man denkt an Hollywoods Gründungsopus „Intolerance“ – würden US- Truppen hier lagern und sich an dieser fast schon heiligen, vom Tourismus verschonten Stätte der Archäologie versündigen. Von Babylon kann man nicht mit ruhig Blut sprechen.

Auch die Berliner Museumsleute lassen sich zu Superlativen hinreißen. Zu Recht. Was sie jetzt im Pergamon-Museum präsentieren, ist die erste umfassende Babylon-Ausstellung überhaupt nach der selbst schon legendären Ausgrabungskampagne (1898 bis 1917), die von den Preußischen Museen und Robert Koldewey geführt wurde. Über hundert Jahre hat es gedauert, bis das British Museum und der Louvre ihre mesopotamischen Schätze einmal vereinigt haben; es ist die allererste gemeinsame Schau der drei Universalmuseen von Paris, Berlin und London. Und jede der drei Hauptstädte – Berlin ist nach Paris die zweite Station – zeigt ihr Babylon aus einer unterschiedlichen Perspektive; so stark wirkt der Mythos. Darauf baut die alberne Berliner Werbekampagne, wenn auch ex negativo („Keine Hure!“, „Kein Gott!“, „Kein Turm!“, „Babylon war nicht Babel!“), und das schräge Merchandising mit Warnweste („Kein Moloch!“), Umhängetasche („Babylon ertragen!“), Babel-Bier und Babel-Brut-Champagner.

Auf der Museumsinsel wird die babylonische Welt allerdings streng akademisch geteilt. Im Südflügel, mit dem Ischtar-Tor als Anker, will das Vorderasiatische Museum die „Wahrheit“ erforschen; so nennt sich die eine, der Archäologie verpflichtete Hälfte des gewaltigen Ausstellungsprojekts, an dem fünf Jahre lang gearbeitet wurde. Dem „Mythos Babylon“ geht die Kunstbibliothek in der anderen Hälfte nach, im ersten Stock des Nordflügels. Wer zum Mythos will, muss dann noch einmal am Pergamon-Altar vorbei durch die griechische Antike auf Wanderschaft.

Wahrheit und/oder Mythos? Man könnte auch sagen: Pflicht und Kür, Körper und Seele, Sodom und Gomorrha, Scylla und Charybdis. Die (antike) Welt steckt voller Dichotomien, scheinbarer Gegensatzpaare. Und wenn man in Berlin auch, zumal in den Museen, allerlei Teilungserfahrung hat: Babylon lässt sich nicht zerreißen. Dabei geht mehr verloren, als wissenschaftlich vielleicht gewonnen wird. Koldewey und seine Leute haben schließlich seinerzeit an einem Ort den Spaten angesetzt, der allein seiner mythologischen Strahlkraft wegen noch im Gedächtnis existierte. Arbeiten die Archäologen nicht mit Fiktionen, wenn sie aus Teilen ein Ganzes entwickeln?

An vielen Beispielen zeigt sich, wie unsinnig und fantasiearm die Zweiteilung der Babylon-Ausstellung ist. So steht man im „Wahrheits“-Bereich vor Modellen des Turms der Türme, und erst bei Ansicht der babylonischen Turmbilder der beginnenden Neuzeit rundet sich der Eindruck. Das Original – Alexander der Große ließ es schleifen – war eine rechteckige Stufenpyramide, während die religiös-moralischen Allegorien späterer Epochen einen schiefen, unfertigen Rundturm zeigen. Der berühmteste von allen, Brueghels Babylon-Vision aus dem Kunsthistorischen Museum Wien, fehlt allerdings. Moderne Wolkenkratzer-Baumeister beziehen sich bis heute auf beides: die mesopotamische Zikkurat und den sich verjüngenden Zylinder, der den Himmel berührt. Ein Bild der Hybris, eine Warnung: Die christlich- jüdische Tradition hat aus Babylon Babel gemacht, den Sündenpfuhl. Reine Erfindung, wie man an den hübschen erotischen Kleinodien im „Wahrheits“-Teil sehen kann; die Griechen waren wilder.

Und immer muss man es sich zusammensuchen, was zusammengehört. Neben dem Sündenbabel, der „großen Hure Babylon“, war die babylonische Sprachverwirrung ein Horrorszenario, das sich mit der Weltstadt im Zweistromland verband. Hier ist einmal die Erkenntnis stärker als die Einbildung: Babylon war ein Zentrum von Wissenschaft und Kultur, hier lebten Perser, Griechen, Juden, Assyrer, wer nicht alles: ein melting pot, ein polyglotter Brennpunkt, eine multikulturelle Metropole. Über die arabische Welt strahlte das Babylonische aus bis nach Europa, bis in die beginnende Renaissance. Da ist schon wieder ein Wechsel in die Abteilung „Mythos“ fällig, um zu sehen, wie die Geschichte weiterging. Und unterdrückt wurde, zum Beispiel von Martin Luther. Er setzte Rom mit Babylon gleich. Babylon, universelles Schimpfwort.

Die Doppelausstellung kappt Verbindungen, die sie selbst aufzubauen sucht. Wie sinnvoll und sinnlich wäre es gewesen, babylonische Gesetzesstelen und Porträtköpfe neben den mythologischen Fortschreibungen von William Blake, Franz von Stuck, Fritz Lang, Douglas Gordon, Bob Marley oder Boney M. zu stellen. Der Mythos schwächelt, wird ihm die Grundlage entzogen, und die Wahrheit ist ohne Mythos langweilig. Schon Herodot, Urahn der Geschichtsschreiber und Reiseschriftsteller, arbeitete mit Geschichten vom Hörensagen, Erfindungen und – Mythen. Hier aber tun die Museumsleute so, als sei ein Mythos etwas, das erst über lange Zeitläufte entsteht. Babylon liefert das Gegenbeispiel – wie heute Schanghai, Sao Paulo, Dubai. Mythen schießen aus der Realität, genügen sich selbst und pflanzen sich blitzschnell fort.

Eine wertvolle „Wahrheit“ ist Babylon als Erfolgsgeschichte. Sein Wohlstand gründete auf kluger Bodenwirtschaft und Bewässerung, wie man es hier ausführlich studieren kann. Die Babylonier waren in ihrer Zeit moderne Agronomen und Ökonomen, sie organisierten ihre Gesellschaft mit Weitsicht und Vernunft. All dies freilich führt wieder zum Mythos vom Mittelpunkt der Welt – so wie wir einmal den American dream träumten. Auch der war kulturell und wirtschaftlich und militärisch fundiert, ehe die Neu-Babylonier, ehe Bush-Belsazar die eigenen Kräfte zu überdehnen begann.

Am Ende der Doppelausstellung – eigentlich der zwei Ausstellungen, die nicht viel miteinander zu tun haben wollen – steht eine Videowand mit Filmen aus dem heutigen Irak. Das deutsche Außenministerium hat diese Zugabe finanziert. Sie kommt spät, aber nicht zu spät. Sie erinnert daran, dass Leihgaben aus dem Irak-Museum in Bagdad wegen schwerster Sicherheitsbedenken nicht möglich waren. Die Wahrheit über Babylon hat immer etwas Bitteres. Mythen aber schmecken süß.

Pergamon-Museum, bis 5. Oktober. Zeitfenstertickets: www.smb.museum/babylon. Die beiden Katalogbände (Hirmer Verlag) kosten im Set 39,90 Euro.

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