Berlinische Galerie : Liebe, zwangsjackenschön

Ein Leben als Pose: Die Berlinische Galerie würdigt den Fotografen und Freigeist Herbert Tobias.

Jens Hinrichsen
berlinische Galerie Tobias Foto: Berlinische Galerie
Trümmer als Kulisse. Die Modestrecke "und neues Leben protzt aus den Ruinen...", Berlin 1954. -Foto: Berlinische Galerie

Automatisch blickt man zuerst nach den Stars, nach einer todtraurig alternden Zarah Leander oder einer kühlen Hildegard Knef aus den späten Fünfzigern. Entdecken wird man auch Klaus Kinski, ein halbes Kind, auf dessen Schoß sein Freund Thomas träumt, Sohn des NS-Regisseurs Veit Harlan, abgelichtet 1952 in Paris. Ebenso überraschend zart wirkt Andreas Baader, der 1965 mit melancholischen Augen in die Kamera blickt. Baaders nackte Schulter wird von herabhängenden Zweigen gestreichelt.

Herbert Tobias, den die Berlinische Galerie endlich mit einer umfassenden Retrospektive ehrt, war gewiss kein PromiJäger. Prominent war er selber, und es gab Zeiten, „da man nicht hätte sagen können, ob man von dem ‚berühmten Fotografen Tobias’ oder vom ‚berühmten Tobias, der auch fotografiert’“ sprechen sollte, wie Pali Meller Marcovicz, sein Freund und Mäzen schrieb.

Tatsächlich: Kunst und Leben, Pose und Privates, Inszenierung und Intimität lassen sich bei Tobias unmöglich trennen, das wird angesichts von über 200 Exponaten deutlich. Am Rand zu sehen sind Brotarbeiten wie Plattencover oder die späten Fotostorys für Schwulenmagazine, aus denen der Tobias-Touch verschwunden war. Im Zentrum der Ausstellung aber stehen die Originalabzüge des begnadeten Schwarzweiß-Zauberers aus knapp 40 Jahren. Auf die Einteilung in Disziplinen wie Reportage-, Mode- oder Portraitfotografie haben die Kuratoren weise verzichtet, weil Tobias’ Fähigkeit, wahrhaftige Momente in ornamentale, mitunter barock bewegte Bilder einzuschließen, durchgehendes Merkmal seiner Fotografie ist. Das Medium wird hier queer, tanzt über Genregrenzen hinweg, rebelliert gegen Normen, was ein gutes, wahres und schönes Bild zu sein hat. Von der Kunst der Fotografie sprach zu Tobias’ Zeiten niemand. Vielleicht ein Glück für den Freigeist und Querdenker mit der Kamera.

Keiner fotografierte Trümmer-Berlin oder -Frankfurt wie Tobias, der reale Ruinen kühn in surreale Filmsets verwandelte, vor denen improvisierte Blumenläden florieren, Kinder selbstvergessen spielen, der Alltag seine Breschen in zerstörte Städte schlägt. „Und neues Leben protzt aus den Ruinen“, betitelte Tobias ein Modefoto von 1954. Sein weibliches Modell präsentiert sich auf einer kaputten Steintreppe. Ihr prächtiger SeidenUmhang scheint die Stufen zerschlagen zu haben. Berlin hat den Fliegeralarm vergessen und mutiert zur irrwitzigen Modekulisse.

Tobias ist Jahrgang 1924. Kriegsgeneration. 1943 wird der 19-Jährige an die russische Ostfront geschickt. Dort macht er mit einer Voigtländer-Kamera die frühesten Bilder, die in der Ausstellung gezeigt werden können. Die Russlandfotos belegen nicht nur den voll entwickelten Sinn des Autodidakten für Bildgestaltung, sondern auch Tobias’ Empathie für die leidende Bevölkerung. In der unmittelbaren Nachkriegszeit bringt ihm sein mutiges Bekenntnis zur Homosexualität Schwierigkeiten mit dem berüchtigten Paragraphen 175 ein, Tobias siedelt mit seinem aus Deutschland ausgewiesenen Geliebten, einem US-Amerikaner, nach Paris über. Fotos von nebelverhangenen Alleen und vom „Cruising“ im Jardin du Luxembourg entstehen, die Vogue druckt erste Modefotos von Tobias ab. Zurück in Deutschland, erlangt er zwischen 1955 und 1965 bedeutendes Renommée als Modefotograf, doch seinen professionellen Ambitionen kommt immer wieder ein ausschweifendes Privatleben in die Quere.

Tobias setzt sein Schwulsein mit zunehmender Offenheit ins Bild: Im emblematischen Paar-Portrait „Das Lied von der sexuellen Hörigkeit“ (1954) zeigt er sich selbst, mit einer Handfessel an einem zweiten Männerakt hängend. Da kommt einem Paul Celans Wort von der „Liebe, zwangsjackenschön“ in den Sinn. Das Gros von Tobias’ Fünfziger- und Sechzigerjahre-Portraits spielt mit der Erotik von Blicken und Posen in Lampenlicht und Halbschatten. Erst Ende der Siebziger fotografiert Tobias Sex unter Männern direkt, unter dem Serientitel „Un chant d’amour“ und fern jeder pornografischen Attitüde. Der Fotograf ist umarmender Dritter im Liebesspiel.

Es war 1981, als eine Ausstellung der Berliner Galerie Nagel die Wiederentdeckung des Fotografen einläutete. In diese Zeit fällt auch der Ankauf erster Werke durch die Berlinische Galerie (die heute im Besitz des kompletten Nachlasses ist). Der unerwartete Erfolg beflügelte Tobias, doch ihm blieb keine Zeit, sein brachliegendes Talent zu reaktivieren. Im Juli 1982 starb er an einer rätselhaften Krankheit, die bald als „Aids“ Schlagzeilen machte. Was bleibt, sind Bilder, die immer noch so viel von Einsamkeit, Sehnsucht, Glück und gelebtem Leben erzählen.

Berlinische Galerie, Alte Jakobstr. 124 - 128, bis 25. August. Katalog (Steidl-Verlag) 35 €.

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