Beutekunst : Die Heimkehr des Rubens

Eine Ausstellung in der Bildergalerie von Sanssouci erinnert an die größte Rückgabeaktion von Beutekunst vor 50 Jahren. Vieles wird bis heute vermisst. Beutekunst bleibt ein Politikum.

Michael Zajonz

Die Farbe macht den Unterschied. Entweder sind die Gemäldereproduktionen auf der Tafel farbig, die die Bildergalerie von Sanssouci im Zustand von 1930 zeigt. Dann hängen die Originale jetzt wieder an den grüngetönten Wänden der Potsdamer Bildergalerie Friedrichs des Großen. Sind die Fotos jedoch schwarzweiß, dann werden die Gemälde seit 1945 vermisst. Unter vielen farbigen Abbildungen der Ausstellung, die an die große Rückgabeaktion von sowjetischer Beutekunst vor 50 Jahren erinnert, befindet sich außerdem ein kreisrundes Logo. Diese Gemälde wurden 1945 in die Sowjetunion verschleppt. Nach einem Beschluss der sowjetischen Führung vom Mai 1957 gab man sie zwischen September 1958 und Januar 1959 an die DDR zurück: Im Rahmen der mutmaßlich größten Kunstrückgabe der Geschichte kehrten Werke von Rubens, van Dyck und Caravaggio nach Potsdam zurück.

1,5 Millionen Kunstwerke kamen damals wohlverpackt in über 300 Eisenbahnwaggons aus Moskau und Leningrad zurück nach Ost-Berlin, um von dort weiterverteilt zu werden. Als Vorbild diente die Rückkehr der berühmten Dresdner Gemäldesammlung aus der Sowjetunion, mit der die junge DDR 1955 als treuer Bündnispartner belobigt worden war.

Die Aktion von 1958 war nicht nur ein politisches Signal an West- und Ostdeutsche, sondern ebenso eine logistische Meisterleistung. Und für die in die Rückführung einbezogenen ostdeutschen Kunsthistoriker und Restauratoren, die ihre Stücke nach Jahrzehnten wiedersahen, sicher ein Grund zu ungeteilter Euphorie. Mit einer – zunehmend schwerer wiegenden – Einschränkung. Schätzungsweise bis zu eine Million Beutekunstwerke sind von der Sowjetunion damals nicht zurückgegeben worden. Vieles wird bis heute in russischen Museen vermutet, anderes haben deutsche Museumsleute inzwischen dort besichtigen dürfen. Die Duma hat die Beutekunst 1998 zu russischem Staatseigentum erklärt.

Kulturpolitisch bleibt es ein heißes Eisen, 50 Jahre danach den richtigen Ton zu treffen. Die vor knapp drei Jahren auf Anregung von Klaus-Dieter Lehmann, damals Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, gegründete Initiative „Deutsch-russischer Museumsdialog“ versucht sich am diplomatischen Kunststück, den Jahrestag der Kulturgutrückführung angemessen zu würdigen, ohne die politisch festgefahrenen Verhandlungen zur Beutekunst zu verschweigen. Die Post-68er in den deutschen Museen proben den Marsch durch die Institutionen – in der Hoffnung auf die Reformierbarkeit des russischen Kulturbetriebs vom Mittelbau aus. Ziel des „Museumsdialogs“ ist der kollegiale Austausch der Fachwissenschaftler an den betroffenen deutschen und russischen Museen. Hermann Parzinger, der als Lehmanns Nachfolger auch das Amt des Sprechers der Museumsinitiative übernommen hat, nennt es bündig: „Vertrauen schaffen und kooperieren.“

Die gestern eröffnete Ausstellung in der Bildergalerie von Potsdam-Sanssouci bildet den Auftakt einer Reihe von Präsentationen, in denen betroffene deutsche Museen zwischen Schwerin und Aachen anschaulich auf ihre glücklich wiedererlangten Bestände hinweisen. 1958 hatten auch einige westdeutsche Museen in den Osten ausgelagertes Kulturgut von den Russen zurückerhalten.

Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten in Potsdam, benennt für die Ausstellung aus seinem Haus „eine ganz klare Überschrift: Danke!“ Am 30. Oktober werden dann die Staatlichen Museen zu Berlin während einer zentralen Abendveranstaltung vor dem Pergamonaltar – der ebenfalls erst 1958 zurückgekehrt ist – an die Rückgabe, aber auch an den fortwährenden Verlust ihrer Bestände erinnern. Auf der Rednerliste stehen Altbundespräsident Richard von Weizsäcker und der sowjetische Ex-Diplomat Valentin Falin.

Wer sich die – eher informative denn ansehnliche – Ausstellung in Sanssouci anschaut, sieht sich mit der ganzen Tragweite des Themas konfrontiert. Zwar gibt es in der Bildergalerie heute keine leeren Wände mehr. Doch mit den 1958 wiedererlangten Gemälden ließ sich die Hängung aus Friedrichs Zeiten nur unvollkommen reinszenieren. Von ursprünglich 41 italienischen Großformaten kehrten nur 11 zurück, die Fehlstellen mussten mit Gemälden religiösen Inhalts gefüllt werden – die der König nicht ausstehen konnte. Warum 1958 nur ein Teil der Beutekunst restituiert wurde; ob es bei der Entscheidung über Rückgabe oder Verbleib klare Kriterien gab; wo die vermissten Stücke heute sind und in welchem Zustand sie sich befinden: All diese Fragen will und muss die deutsch-russische Museumsinitiative noch gemeinsam erforschen. Wenn die russischen Kollegen weiter mitmachen dürfen.

Potsdam, Bildergalerie in Sanssouci, bis 31. 10. Infos zur Initiative „Deutsch-Russischer Museumsdialog“ über die Kulturstiftung der Länder: www.kulturstiftung.de

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