C/O Berlin : Schatten der Macht

Konrad Rufus Müller zeigt im Postfuhramt seine Kanzlerbilder – von Adenauer bis Merkel. Es ist frappierend. Ein Mensch, der in zwei Seiten zerfällt. Auf der einen lebt das junge, fröhliche Mädchen weiter, auf die andere hatte die Realität Zugriff.

Kai Müller
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Wind der Geschichte. Helmut Kohl 1991 in San Francisco. -Foto: C/O Berlin

Nun will er natürlich auch die Kanzlerin fotografieren. Konrad Rufus Müller sagt „natürlich“, weil es sich von selbst versteht, dass einer, der seit Adenauer sämtliche Kanzler der Bundesrepublik mit seiner Kamera begleitet hat, zum Teil über Jahre und sehr intensiv, nun nicht mehr aufhören kann und auch die erste Frau im Machtzentrum erkunden will. Aber dafür habe er wohl den Mund zu voll genommen, gesteht Konrad Rufus Müller bei der gestrigen Vorstellung seiner Kanzlergalerie im Postfuhramt. Vielleicht färbte in der Nähe zu Gerhard Schröder dessen Sicht auf Müller ab. Der Rivalin traute er ebenso wenig zu, sich gegen die Fürsten in der CDU durchzusetzen. Als sie dann doch im Mai dieses Jahres für ein arg förmliches Porträt aufeinander trafen, bekam Müller ihre Unbeirrbarkeit zu spüren. Sie zwang ihn, erstmals in seiner über 40-jährigen Karriere, mit künstlichem Licht zu arbeiten. Und er hatte drei Minuten. Es wurde dann auch nicht besonders gut. Der Schlüssel zu Merkels Gesicht zeige sich, sagt Müller, wenn man jeweils eine Hälfte ihres Antlitzes abdecke.

Es ist frappierend. Ein Mensch, der in zwei Seiten zerfällt. Auf der einen lebt das junge, fröhliche Mädchen weiter, auf die andere hatte die Realität Zugriff. Trotzdem fällt die Merkel-Studie im Rund der Kanzlerköpfe blass aus, die C/O Berlin anlässlich von Bundestagswahl und 60. BRD-Jubiläum nach Berlin geholt hat. Wie viel näher ist Müller dem alten Gründungskanzler Konrad Adenauer gekommen. „Es gibt solche Leute nicht mehr“, sagt der Fotograf wehmütig und meint, ganz Ästhet, vor allem das Reptiliengesicht Adenauers.

Das hatte es dem jungen Kunststudenten vor allem angetan, als er den Ex-Kanzler Mitte der sechziger Jahre aufsuchte. Beeindruckend sind die verschatteten, dunklen Aufnahmen des 90-Jährigen. Viel später durfte Müller auch das verwaiste Haus Adenauers in Rhöndorf betreten und setzt die Fotos vom Arbeits-, Schlaf- und Badezimmer, vom wartenden Dienstwagen oder von dem Blick auf das Siebengebirge zu einem Lebensmosaik zusammen. Es ist eine sehr romantische Annäherung an einen Machtmenschen, der wie in ständiger Dämmerung zu leben scheint.

Schöner hat die Staatslenker keiner ins Licht gesetzt. Auch wenn uns die Nahaufnahmen von Erhard, Kiesinger, Kohl und Schmidt nicht mehr über sie verraten, als dass sie ziemlich einsam waren. Aber wahrscheinlich ist das auch nur eine Verklärung. „Für Helmut Schmidt war ein Fotograf ein naher Verwandter des Menschen“, lästert Müller über die Unzugänglichkeit des kühlen Strategen und drückt doch nur aus, dass sein Wunsch, den Mächtigen nahe zu kommen, auch empfindliche Rückschläge erlitt. So inszeniert er Schmidt zwangsläufig als entrückte Silhouette am Rednerpult, sein Publikum in Ehrfurcht erstarrt.

Auf die Frage, ob seine Fotokunst politisch sei, weiß der bald 70-jährige „Kanzlerfotograf“ keine Antwort. Zeige er nicht, fragt er zurück, wie sehr Macht die Menschen verändert und isoliert? Tatsächlich bringt Müllers hartnäckiges Dabeiseinwollen berührende Ansichten hervor. Die Fassaden und Masken fallen. Aber in ihrer eindimensionalen Fokussierung auf das Moment politischer Größe verherrlichen die Bilder einen Status, der bei jeder Wahl zur Disposition steht und an die Person gar nicht gebunden ist.

Politiker sind Wortmenschen. Was ihnen an Macht zuwächst, ist Folge ihrer Überzeugungsarbeit. Als sich Müller, Spross eines katholischen Elternhauses und daher empfänglich für Ikonografien, auf den Weg zu den Vätern der Bundesrepublik macht, gibt es das Fernsehen als Überzeugungsmaschine noch nicht. Politiker hatten nur ein sehr rudimentäres „Bild“ von sich. Entsprechend reserviert begegnen Adenauer und Erhard dem jungen Fotografen. Der ist überdies ein Außenseiter, bewegt sich abseits des Pressekorps und arbeitet in seiner Bonner Dunkelkammer besessen an dem einen gelungenen Abzug. Als er Adenauer und Erhard ihre Konterfeis vorlegt, betrachten sie sich interessiert, aber unbeteiligt.

Erst bei Willy Brandt wird Erscheinung zum politischen Faktor. Müllers Brandt- Porträts zeigen die enorme physische Präsenz dieses schillernden Kanzlers. Es ist ein eingenommener Blick. Erfüllt von der Sehnsucht, dass Größe mit Politik nichts zu tun habe.

Konrad Rufus Müller: Die Kanzler – Von Adenauer bis Merkel, Postfuhramt bis 4. Oktober, tägl. 11-20 Uhr.

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