Cranach : Des Prinzen Rolle

Cranach und die Hofkultur: eine Doppelausstellung im Schloss Charlottenburg und in der Marienkirche.

Michael Zajonz

Was 200 Jahre lang ästhetisches Gesetz war, gilt nicht mehr. Albrecht Dürer, das Kraftgenie aus Nürnberg, Urheber etlicher Im-Wohnzimmer-überm-Sofa-Motive, wird als der Deutschen Haus- und Herzmaler entthront – ausgerechnet von Lucas Cranach dem Älteren. Cranach, Dürers stilistischer Antipode, der ungeschmeidig Dissonante, oft Schrille, der Frühkapitalist und Lutheraner aus Wittenberg, passt besser in unsere neoliberal-synthetische Gegenwart als Altmeister Dürer mit seinem Harmoniezwang.

Lucas Cranach erlebt eine persönliche Renaissance. Auf dem internationalen Kunstmarkt für Alte Meister in Maastricht oder London reüssieren seine Bilder, die oft genug gar nicht von ihm selbst, sondern vom Sohn, dem jüngeren Lucas, oder aus der fabrikähnlich organisierten Werkstatt stammen. In den letzten vier Jahren hat es in deutschen Museen Cranach-Großausstellungen in Chemnitz und im Frankfurter Städel gegeben. Nun also noch eine in Berlin.

„Cranach und die Kunst der Renaissance unter den Hohenzollern“ verspricht das Ereignis des Berliner Ausstellungsherbstes zu werden. Obwohl der Titel – Cranach groß, der Rest kleingedruckt – an Etikettenschwindel grenzt. Maria Deiters, neben Gerd Bartoschek und Elke Anna Werner als Kuratorin für die auf zwei Orte verteilte Ausstellung verantwortlich, bringt es auf den Punkt: „Das ist keine Cranach-Ausstellung. Es ist eine Ausstellung über die Berliner Hofkultur des 16. und frühen 17. Jahrhunderts.“

So was klingt nicht gerade sexy, und deshalb steht auf dem Gemeinschaftsprojekt der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und der evangelischen Berliner Kirchengemeinde St. Petri und St. Marien vorne groß Cranach drauf, obwohl gerade mal 38 Gemälde des Meisters, seines Sohnes, der Werkstatt und seiner Nachfolger aus dem Bestand der Stiftung drin sind; dazu ein paar ausgewählte Leihgaben wie das vermutlich einzige autonome Selbstbildnis des Meisters von 1531, das einen nachdenklichen 59-Jährigen zeigt und einst in Berlin aufbewahrt wurde, doch seit über hundert Jahren auf Schloss Stolzenfels hängt.

Jenseits von Cranach allerdings bietet dieser kulturhistorische Rundumschlag um so mehr Unerwartetes: In der Hauptausstellungsstation im Neuen Flügel des Schlosses Charlottenburg reicht die Spanne vom um 1430 in Franken entstandenen Cadolzburger Altar – mit den Stifterporträts des ersten Hohenzollern-Kurfürsten Friedrich I. und seiner Frau Elisabeth von Bayern – bis zum brillantenfein leuchtenden Bildchen mit der Verherrlichung von Kurfürstin Elisabeth Charlotte, der Mutter des Großen Kurfürsten. In der Marienkirche in Mitte spannt sich der Bogen dann vom Epitaph für den 1412 für Brandenburg gefallenen Grafen Johann von Hohenlohe bis zum Turmmodell der Parochialkirche aus dem frühen 18. Jahrhundert.

Unter dem Label Cranach beackert man also locker einen Zeitraum, der mit der Belehnung der fränkisch-schwäbischen Hohenzollern mit der hoffnungslos verwahrlosten Mark Brandenburg auf dem Konstanzer Konzil 1417 einsetzt und mit der Bewältigung der Folgen des Dreißigjährigen Kriegs schließt. Es geht um das Ringen zwischen frisch etablierter Landesherrschaft und zunehmend selbstbewusster auftretenden Bürgern. Und um das frühneuzeitliche Treibmittel zwischen Hof, Staat und Bürgern: die Reformation, die 1539 unter Kurfürst Joachim II. in Brandenburg einsetzt und 1614 noch einmal zusätzliche Dynamik erfährt, weil Kurfürst Johann Sigismund zum Calvinismus übertritt, ohne seine Untertanen nachziehen zu können. „Eine Phase unserer Geschichte“, resümiert Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Preußischen Schlösserstiftung, „die hier in Berlin ziemlich vergessen ist.“ Trotz des heutigen Reformationstags.

Es ist ein Fest, gleichwohl. Cranachs Bilder werden im abgedunkelten Galerieambiente des Neuen Flügels von Schloss Charlottenburg viel edler präsentiert als im Jagdschloss Grunewald, wo sie zusammen mit den übrigen „altdeutschen“ Gemälden der Stiftung demnächst nach der Restaurierung des Hauses wieder dauerhaft hängen werden. Die Ausstellung ist ein Lehrstück über Museumsmarketing und Kultursponsoring und die Frage der besten Verkaufe. Würden sich genügend Besucher und Geldgeber einstellen, wenn man statt des Zugpferds Cranach die Komplexität des Projekts herausgestellt hätte?

Natürlich entfaltet Cranachs zwischen Spätmittelalter und reinster Renaissance changierender Bilderreichtum auch in Berlin seinen Sog. Überraschend traditionell ging er den Großauftrag für die Ausstattung der neuen Berliner Stifts- und Hofkirche an, die man auf Anordnung Kurfürst Joachims II. in der alten Dominikanerkirche am Schlossplatz unterbrachte. Derzeit graben Archäologen vor dem Staatsratsgebäude ihre Fundamente aus. Die Cranach-Werkstatt schuf 1537/38 eine nicht genau bekannte Anzahl von Wandelaltären. Neun großformatige Passionstafeln, Christi Elend noch ganz in katholischer Detailfreude vorführend, haben sich im Bestand der Schlösserstiftung erhalten. Ihrem Auftraggeber Joachim II. standen die prachtvollen Flügelaltäre der Hallenser Stiftskirche vor Augen, die sein Onkel Kardinal Albrecht von Brandenburg 1520 bei Cranach bestellt hatte.

Auch die zweite erhaltene Berliner Bilderfolge Cranachs, die Exemplum-Tafeln, verdanken sich den hohen Ansprüchen Kurfürst Joachims. Für den Festsaal des Berliner Schlosses, das Steinmetzen aus Torgau damals aus dem Mittelalter in die Moderne beamten, malten Cranach & Co. Allegorien der Herrschertugenden Mäßigung, Weisheit, Gerechtigkeit und Mut. Zeitgenossen verstanden so etwas als Regierungserklärung.

Cranach, der 1541 möglicherweise selbst nach Berlin gereist ist, und andere sächsische Kulturimporte wie der Bildhauer Hans Schenck aus Schneeberg im Erzgebirge haben in Berlin Spuren hinterlassen, die meist längst verschüttet sind. Der Schlossbau der Renaissance war schon 160 Jahre später durch die Umbauten Schlüters und Eosanders perdu. Die Stiftskirche ließ Friedrich der Große abreißen, die Franziskanerkirche ruinierte der Zweite Weltkrieg.

Nur in den beiden gotischen Stadtpfarrkirchen St. Marien und St. Nikolai finden sich Kunstwerke des 16. Jahrhunderts noch an ihrem angestammten Ort. Die Nikolaikirche, seit den achtziger Jahren eine Ausstellungshalle des Stadtmuseums, wird derzeit restauriert. In St. Marien warten dafür die eigentlichen Entdeckungen dieser Ausstellung – auch wenn darunter kein einziger Cranach ist.

Seit 2003 erforscht die Kunsthistorikerin Maria Deiters die seit dem Zweiten Weltkrieg in alle Winde zerstreute, etwa 200 Objekte umfassende und erst nach der Maueröffnung wieder ins Bewusstsein gerückte Kunstsammlung der Innenstadtgemeinde St. Petri-St. Marien. Das Vorurteil evangelischer Bilderfeindlichkeit trifft höchstens auf die Calvinisten, nicht jedoch auf das lutherische Bekenntnis zu. An den Seitenschiffwänden der Marienkirche kann Deiters den großen Reichtum an erhaltenen und in den letzten Jahren oft mit privater Hilfe restaurierten Kunstwerken sakralen Ursprungs nur andeuten. Darunter befinden sich sensationell qualitätvolle Bilder wie die Epitaphien, die der Maler Michel Ribestein in den 1550er und 60er Jahren zum Gedächtnis an die guten Bürger Berlins schuf.

Hier weht ein neuer Geist. Ribestein, der kurfürstlicher Hofmaler gewesen ist und den die Kunstgeschichte völlig vergessen hat, schaut nicht mehr nach Wittenberg, sondern nach Rom und Florenz. Und wie er schaut! Cranach in Berlin bleibt eine Episode, von oben verordnete Staatskunst. Stattdessen entsteht etwas Eigenes – selbst in der Kulturprovinz, die Berlin einmal gewesen ist.

Schloss Charlottenburg, Neuer Flügel, und St. Marienkirche, Berlin-Mitte, beide bis 24. Januar 2010. Der Katalog (Deutscher Kunstverlag) kostet in der Ausstellung 34,90 Euro, im Buchhandel 39,90 Euro.

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