Elfenbeinkanne : Aus der Adlerkammer

Ein verlorenes Stück kehrt zurück – wenn auch nur für ein Jahr und im Tausch gegen einen goldenen Messkelch, den das Berliner Kunstgewerbemuseum in den nächsten Tagen auf Reisen schickt. Sein Ziel ist Prag, wo jene eindrucksvolle barocke Elfenbeinkanne, die man nun während der nächsten Monate in Schloss Köpenick bewundern kann, eine schmerzliche Leere hinterlässt.

Christiane Meixner

Die Geschichte dieser Kanne aus dem frühen 18. Jahrhundert ist allerdings weit länger und hat schon andere Lücken gerissen. In Berlin, als Kriegsverlust 1942. Ursprünglich stand das von Michael Maucher gefertigte Stück mit anderen Exponaten der barocken Elfenbeinsammlung in der Schwarzen Adlerkammer des Berliner Schlosses. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde es dann wie so viele Museumsbestände evakuiert und in den Friedrichshainer Flakturm verbracht. Hier verlor sich die Spur des Aufbewahrungskorbes Nr. 94, in dem die wertvolle Kanne zusammen mit einem passenden Becken lag, das Maucher ebenfalls um 1700 aus Elfenbein geschnitzt und mit einem aufwendigen mythologischen Figurenprogramm versehen hatte.

Das Becken ist bislang nicht wieder aufgetaucht, wohl aber die Kanne. 1987 entdeckte Christian Theuerkauf von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz sie im Prager Kunstgewerbemuseum. Dass es sich um das Berliner Exponat handelte, war schnell klar: Unter dem Elfenbeinsockel klebt bis heute die alte Inventarnummer. Wer immer das fragile, knapp 35 Zentimeter hohe Objekt einst aus dem Korb holte und mitnahm, war wenig sorgsam. Weder bei der Beseitigung der Spuren noch mit der Kanne selbst, an der zahlreiche geschnitzte Details, vor allem aber ihr reich verzierter Griff verloren gegangen sind.

Bereits 1965 erwarb das Prager Kunstmuseum den beschädigten Schatz im tschechischen Kunsthandel. Seither bezeugt er dort die außerordentliche Fertigkeit einer Kunsthandwerkerfamilie, der Michael Maucher als jüngster und begabtester Sohn 1645 in Schwäbisch Gmünd entsprungen ist. Seine skulpturalen Schnitzarbeiten zierten diverse europäische Sammlungen, waren nie für den Gebrauch gedacht und galten auch wegen ihres kostbaren Materials als begehrte Kunstkammerstücke. Über Ansbach gelangte die Elfenbeinkanne zusammen mit dem Becken in die Königliche Preußische Kunstkammer und damit in die Bestände des hiesigen Kunstgewerbemuseums. Dort galt beides als herausragendes Exempel einer Gießgarnitur, die ikonografisch wie stilgeschichtlich Maßstäbe setzt.

Wie filigran Maucher die antiken Gottheiten darzustellen vermochte, sieht man dem Gefäß noch heute an. Das Bildprogramm allerdings ist erklärungsbedürftig – und das nicht nur, weil die winzigen Figuren einst in ihren Händen symbolische Gegenstände hielten, anhand derer sich die Götter und ihre Geschichten entziffern ließen. Darüber hinaus sind auch die historischen Bezüge oft nicht mehr bekannt. Das opulente Personal erzählt vom Krieg und von der Liebe in Gestalt der Venus, die die Pfeile des Gottes Mars entwendet und damit für Handel und Wohlstand sorgt.

Mit diesem Figurenprogramm erwächst Mauchers Kanne ein symbolischer Gehalt, der bis in die Gegenwart reicht. Denn dass der einstige Schatz aus der preußischen Kunstkammer überhaupt ein Gastspiel in Berlin hat, verdankt sich inoffiziellen Bemühungen, für die in Berlin Angela Schönberger als Direktorin des Kunstgewerbemuseums und auf Prager Seite Museumschefin Helena Koenigsmarková steht. Beide haben den einjährigen Tausch „in freundschaftlicher Verbundenheit“ auf den Weg gebracht. So viel Vertrauen ist bemerkenswert, schließlich handelt es sich bei dem herausragenden Stück um Beutekunst, und niemand kann garantieren, dass sich in Berlin nicht doch die eine oder andere Begehrlichkeit regt.

Deshalb wirkt der Messkelch, den die Prager Museumsleiterin auf dem Rückweg für ihr Kunstgewerbemuseum mitnimmt, ein bisschen wie ihre Geisel für die unbedingte Rückkehr des Elfenbeinobjekts. Angela Schönberger aber winkt bei solchen Vermutungen ab. Die Kanne, sagt sie, wäre auch ohne ihren Gegenspieler nach Berlin gekommen. Helena Koenigsmarková habe im Gegenteil ein großes Interesse daran, der Stadt ihre einstigen Schätze zu zeigen. Im Prager Kunstgewerbemuseum dokumentiere derzeit eine Ausstellung, was einst aus jüdischem Besitz in die Sammlung gelangt sei. „Nicht zu vergessen“, meint Schönberger, „haben wir Stücke mit einer ähnlichen Geschichte.“ So erwarb auch das Berliner Kunstgewerbemuseum in früheren Jahrzehnten im Kunsthandel gutgläubig Objekte, deren Provenienz nicht mehr zu klären ist. Oder bei denen sich herausstellte, dass sie in den Wirren des Kriegs anderen Museen entwendet wurden.

Ein solches Exponat aus ihrer Sammlung hat die Berliner Museumschefin nun im Auge, wenn sie in den nächsten Monaten mit verschiedenen Instanzen sprechen wird. Die Provenienz des Glases steht fest – es stammt aus Tschechien. So bleibt ihr ein Jahr für vorsichtige Verhandlungen, an deren Ende für Angela Schönberger ein mögliches Szenario steht: Die Elfenbeinkanne von Michael Maucher bliebe dann vielleicht in Köpenick, und das Glas fände ebenfalls den Weg zurück in seine ursprüngliche Sammlung. Doch das ist bislang nur ein Traum.

Kunstgewerbemuseum im Schloss Köpenick, Di–So 10–18 Uhr.

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