Emil Nolde : Was die Farbe verbirgt

Zwei Berliner Ausstellungen überraschen mit Neuigkeiten über Emil Nolde.

Jens Hinrichsen
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Kunst der Kontur. „Mädchen mit Zöpfen“, ein Aquarell aus den frühen zwanziger Jahren.Foto: Anders / Nolde Stiftung Seebüll...

Natürlich: die Farbe. Sie glüht, wütet und beißt. Dann wieder fließen die Töne in goldener Harmonie zusammen, der Sturm ruht, die Wogen glätten sich. Emil Nolde kam vom Meer, das seine Kunst durchströmt, er war ein Pinselmagier, Kaskadeur der Koloristik, farbtrunkener Märchenerzähler. Maler eben.

Wirklich? Neue Sichtachsen und Akzentverschiebungen sind willkommen, um ein bedeutendes Werk frisch zu halten. In der Zusammenschau der Berliner Nolde-Ausstellungen – im Kupferstichkabinett und der Dependance der Nolde Stiftung Seebüll (mit Eintrittsrabatt!) – wird der verlagerte Fokus augenfällig. Die Ausstellung „Mensch Natur Mythos“ am Kulturforum und die „Ungemalten Bilder“ in der Jägerstraße huldigen dem 1956 mit 89 Jahren verstorbenen Expressionisten nicht zuletzt als Meister der Linie und Bezwinger der Helldunkelkontraste – sie feiern den begnadeten Grafiker.

Die Spur führt weit zurück. 1902 im Dorf Nolde bei Tondern geboren, beginnt Hans Emil Hansen, wie er eigentlich heißt, 1884 eine Lehre als Holzbildhauer und gewerblicher Zeichner in einer Flensburger Möbelfabrik. Die Ausbildung kommt seinem späteren grafischen Werk zugute, das vor allem durch den Kontakt zur Künstlergruppe „Die Brücke“ angestachelt wird (Nolde ist nur kurz Mitglied). Von unheimlich-ausgefransten Schwarzflächen geprägt ist sein „Prophet“ (1912), den das Kupferstichkabinett als eines der „Biblischen Bilder“ zeigt.

Mit 110 Werken – Radierungen, Lithografien, Holzschnitten und Aquarellen – besitzt das Kupferstichkabinett eine der umfangreichsten Nolde-Sammlungen überhaupt. „Wir können Nolde im Extrakt bieten“, freut sich Kuratorin Anita Beloubek-Hammer, die 70 ausgewählte Bilder unter Titeln wie „Bildnisse“, „Städte und Landschaften“, „Lebensfreude“ präsentiert. Von großem Reiz sind die Hafenbilder, die Nolde 1910 in Hamburg schuf. Die stürmische Elbe inspirierte ihn zu Radierungen, auf denen Schleppkähne wehrlos auf den Wellen tanzen. Bei William Turner und Claude Monet, die der junge Nolde 1899 im Pariser Louvre gesehen haben muss, findet man eine ähnliche Energie, die der Künstler grafisch umzusetzen verstand.

Auch die Aquarelle leben von der Linie: Zwischen 1913 und 1914 nahm das Ehepaar Nolde an einer Südsee-Expedition teil. Der Künstler interessierte sich vor allem für die Bevölkerung Melanesiens und malte zahllose Wasserfarbenbildnisse geschmückter Männer und Frauen. „Ich habe zuweilen das Gefühl, als ob sie noch wirkliche Menschen sind“, schrieb er. Die Europäer erschienen ihm daneben wie „verbildete Gliederpuppen, künstlich und voll Dünkel“. Gewiss kein Rassist, geriet Nolde später zeitweilig ins Fahrwasser der Nazis und ließ sich von Goebbels hofieren, der den Expressionismus in den Kanon „deutscher“ Kunst eingliedern wollte.

Dass es anders kam, auch davon erzählt die großartige Schau „Mit verschnürten Händen“ in der Dependance der Nolde Stiftung. Ein Brief von 1941 dokumentiert Noldes Einstufung als „entarteter Künstler“, unterzeichnet von Adolf Ziegler, Kunstkammerpräsident und „Reichsschamhaarmaler“ von Hitlers Gnaden. Bereits 1938 begann Nolde, sich in der inneren Emigration abzuschotten. Von den Nazis überwacht, vollendet er bis 1945 im Malversteck der Seebüller Nähstube über 1300 „Ungemalte Bilder“, kleinformatige Aquarelle, von denen Kurator Jörg Garbrecht 120 in Berlin präsentiert, darunter rund 70 Blätter, die noch nie öffentlich gezeigt wurden. Oft tritt die Farbe zurück und die teils mit Feder gemachten Vorzeichnungen stechen heraus. So öffnen auch die „Ungemalten Bilder“ den Blick für Noldes grafisches Werk.

Vorzüglich die Dramaturgie der dreiteiligen Ausstellung. Sie beginnt mit leuchtenden Blumengemälden, verdüstert sich hinter abgehängten Fenstern – und hellt sich mit dem farbjauchzenden Spätwerk wieder auf: Fast grell wirken die Kontraste auf den Ölformaten, die Nolde nach den heimlichen AquarellSkizzen malt, wie etwa bei „Fischer und Töchterchen“ von 1946. Die meist dicht an dicht gehängte Reihe der „Ungemalten Bilder“ beginnt mit dem ahnungsvollen Aquarell eines brennenden Reetdachhauses und taucht dann gänzlich ab in Noldes Märchenwelten und Naturmystik. Linien spritzen übers Papier, sanfte Wasserfarben schäumen, Not und Bedrängnis sind wie weggespült, es sind glückliche Bilder.

„Mensch Natur Mythos“, Kupferstichkabinett, Kulturforum, bis 25. Oktober. Katalog (Michael Imhof Verlag) 29,95 Euro.

„Mit verschnürten Händen – Ungemalte Bilder“, Nolde Stiftung Seebüll, Dependance Berlin, Jägerstraße 55, bis 17. Januar, Katalog (DuMont) 29,95 Euro. – Besucher beider Ausstellungen erhalten bei Vorlage der Eintrittskarte der Partnerinstitution 2 Euro Ermäßigung.

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