Erik Mark Sandberg : Wer mit Wölfen heult

Das Fell sprießt wild im ganzen Gesicht: Der US-Künstler Erik Mark Sandberg zeigt "Hairy Children" in der Berliner Galerie Johanssen.

Juliane Primus

Zu nah beieinander liegen Schrecken und Schönheit bei Erik Mark Sandberg, als dass man beides voneinander trennen könnte: Den Kindern auf seinen Gemälden sprießen braune, glatte Härchen aus den Ohren, aus der Stirn. Sie wachsen auf der Nase und dem Kinn, auf den Wangen. Auch der Hals ist bedeckt, am Kragen des geblümten T-Shirts kräuseln sich einzelne Haare. Doch unter diesem zarten Fell verbirgt sich ein menschliches Antlitz: das Foto-Porträt eines etwa zwölfjährigen Mädchens.

Der Blick des Kindes ruht, dennoch liegt Unsicherheit in diesem Ausdruck. Der Mund wirkt verkniffen, streng nach hinten gebunden ist das Kopfhaar. Ein Haarreif, so rosa wie der kindliche Mund, ist entbehrlicher Schmuck. Das Kind ist schön und auf natürliche Weise puppenhaft.

Die kindliche Unschuld verschwimmt allerdings wie bei einem Werwolf, der um Mitternacht gen Vollmond heult. All den „Hairy Children“ von Sandberg, dessen Bilder in der Galerie Johanssen zu sehen sind, sprießt das Fell wild im ganzen Gesicht. Nur Mund und Augen liegen frei, variiert werden Kleidung, Haarstruktur und Hintergrund: Camouflage und Sternenstaub („Boy with Coonskin Cap“, 1200 Euro) kombiniert der 34-jährige US-Amerikaner ebenso wie zartrosa Blumenkränze und giftgrünen Gesichtspelz („Girl with Floral Frame“ 1300 Euro). Für den Betrachter entsteht anfangs ein befremdlicher Eindruck, doch gewinnt das Ästhetische mehr und mehr an Boden, wenn man sich auf Sandbergs Motive einlässt. Anhänger seiner Kunst, insbesondere aus den USA, gibt es viele: Die Ausstellung ist komplett verkauft.

Nicht Vollmond oder Aberglaube haben den in Los Angeles lebenden Maler und Illustrator inspiriert, sondern Beobachtungen des Alltäglichen. Die Schattenseiten des Schönheitswahns wie auch die Tatsache, dass in Kalifornien, wo Sandberg lebt, bereits Grundschulfotos digital nachbearbeitet werden, wenn das Gesicht darauf nicht gängigen Klischees entspricht. Die Wohnzimmertauglichkeit geht Sandbergs Bildern ab, doch genau das schätzt Galerist Pascal Johanssen an diesem Künstler. Zusammen fanden beide vergangenes Jahr in Zürich während der „Illustrative“, einem tourenden Festival für Grafik und Illustration, das sein organisatorisches Zentrum in Berlin hat und hier im Oktober ein zweites Mal stattfinden wird. In Zürich war Johanssen überrascht von der „Begeisterung des speziellen Schweizer Publikums für Sandbergs Werke“.

Sandberg gibt neue Impulse, dank seiner Erfahrung als kommerzieller Illustrator geht er formal ungewöhnliche Wege: Er klebt und malt, druckt, sprayt oder glittert. So entstehen Tiefe und Vielschichtigkeit. In den Hybridarbeiten verpackt er seine gesellschaftlichen Kommentare. Sandbergs großformatige „Bouquet“- Reihe, die die haarige Ausstellung ergänzt, ist hingegen in erster Linie ein ästhetischer Kommentar zum klassischen Stillleben. Still ist hier allerdings nichts. Die Arbeit „Bouquet with magical Beef and Friends“ (5800 Euro) ist ein Feuerwerk der Neonfarben, Zwerge tanzen auf dem Tisch, die Blumen scheinen aus dem Bild zu wachsen. Und sie hören nicht auf damit: Zurzeit arbeitet Sandberg an einer Fortsetzung sowohl der „Bouquets“ als auch der Werwolf-Kinder. Die Ergebnisse werden auf der „Illustrative“ in Berlin zu sehen sein.

Galerie Johanssen, Gormannstr. 23; bis 30.9., Mo.–Fr. 10–19 Uhr, Sa. 11–19 Uhr

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