Foto-Ausstellung : Vernunft mit Fragezeichen

Der Hamburger Bahnhof feiert die Fotografen Anna und Bernhard Blume.

Christina Tilmann
Anna und Bernhard Blume
Ein Werk von Anna und Bernhard Blume. -Foto: Tsp

Berlin Statt reiner Vernunft herrscht scheinbar pure Unvernunft. Von wegen fester Boden, klare Perspektiven, sichere Verhältnisse. Alles wackelt, kippelt, schwankt und stürzt. Und wie der Mann mit dem Karton auf dem Kopf auf das Podest gekommen ist, will man auch lieber nicht wissen. Doch halt: Der Begriff „Vernunft“ ist ganz falsch, würde uns der studierte Philosoph Bernhard Blume belehren, der die Ausstellung nicht ohne Grund „Reine Vernunft“ genannt hat: Vernunft, nach Kant, sucht nach Ideen. Der wie auch immer verwirrenden Wirklichkeit widmet sich der menschliche Verstand.

Bemühen wir also unseren Verstand und suchen statt Vernunft lieber nach Sinn – und landen sofort beim Nonsens, den die Bildserien von Bernhard und Anna Blume so perfekt zu verkörpern scheinen. Slapstick-Szenen, an Buster Keaton geschult, im wild gewordenen Universum der schwankenden Tellerstapel, Porzellanvasen und Resopalmöbel waren das Markenzeichen des westdeutschen Künstlerpaars seit ihren Anfängen in den 70er Jahren. Da steckt viel von dem anarchischen Geist der damaligen Düsseldorfer Kunstszene drin, wo höhere Wesen dem Kollegen Sigmar Polke befahlen, eine Ecke des Bildes schwarz zu malen. Anna und Bernhard Blume befahlen sie stattdessen, den endlosen Kampf mit der Dingwelt aufzunehmen.

Und der Kampf geht weiter. Die kleinbürgerliche Spießerwelt, in die die beiden sich mit Karojackett und Blümchenkleid damals so lustvoll wie kritisch hineinbegeben haben, hätten sie inzwischen hinter sich gelassen, erläutert Bernhard Blume in Berlin. Der neue Look heißt „Rentnerfitness“, besteht aus Trainingsanzug und Sweatshirt und ist natürlich nicht minder spießig als die früheren Verkleidungen. Und nicht minder aktiv sind auch Anna und Bernhard Blume selbst geblieben, die auf ihren neuesten Serien nicht mehr im Wald oder auf der Couch, sondern in einem abstrakt-konstruktivistischen Stäbelabyrinth stecken, das mindestens so effektvoll über ihnen zusammenbricht. Nur, dass die über mehrere Bildteile fortgesetzten weißen Stäbe einen deutlich skulpturaleren Aspekt in die Kunst bringen. Nicht mehr bundesbürgerlicher (Sur-)Realismus ist das Ziel, sondern mondrianeske Abstraktion.

Ein Rückgriff auf die Spießerspäße der Achtziger hingegen ist die Porzellanedition, die Bernhard und Anna Blume gemeinsam mit KPM gestaltet haben: ein viereckiger Teller, darauf „Reine Vernunft“ (1600 Euro), und dann drei runde mit „gut“, „wahr“ und „schön“ (1200 Euro). Oje, Kommerz, denkt man zunächst, wenn KPM-Chef Jörg Woltmann stolz die neue „Art Line“ rühmt. Und begreift beim Gang durch die Ausstellung, wie eng die Porzellanarbeiten mit den wackelnden Tellerstapeln aus der Fotoserie „Trautes Heim“ von 1985 verknüpft sind. Dass der Teller „heilig“ einen goldenen Rand, die „reine Vernunft“ vier Ecken und die Platte „Prinzip“ zwei Griffe hat, das ist im surrealistischen Universum von Anna und Bernhard Blume dann schon wieder: höhere Vernunft. Mit „Anna & Bernhard Blume. Reine Vernunft“ komplettiert der Hamburger Bahnhof den starken Fotografieschwerpunkt, den er mit der WolfgangTillmans-Retrospektive vor Ostern eröffnet hatte. Näher an den Blumes allerdings ist die dritte Ausstellung „Sichtbarwerden“, für die Kuratorin Gabriele Knapstein klug und konzentriert Künstlerfotografien aus der Flick-Sammlung zusammengestellt hat. Nicht umsonst kommen die wichtigsten deutschen Künstlerpaare der Nachkriegs-Fotografiegeschichte, die Blumes und die Bechers, beide von der Düsseldorfer Kunstakademie. Die gleiche westdeutsche Kleinbürgerlichkeit sieht man auch auf den Stadtfotografien der Becherschüler Thomas Struth und Thomas Ruff: Bei Ruffs „Interieurs“ gibt es Großmustertapeten und Topfpflanzen, Überdeckchen – und Couchgarnituren, die aussehen, als habe sich Bernhard Blume samit Mutter gerade von ihnen erhoben. Und dazu die tristen Ruhrgebiets-Siedlungen mit ihren menschenleeren Straßen, die Thomas Struth Anfang der Achtziger als „Unbewusste Orte“ fotografiert hat.

Von dort ist der Schritt nicht weit zur Vancouver-School, wo ein Jeff Wall die Vorstadthölle in perfekt komponierten Bild-Stills evoziert und ein Stan Douglas auf Motivsuche geht in den entvölkerten Innenstadtbezirken von Detroit: zerfallene Häuser, eingeschlagene oder verrammelte Fenster, und eine Natur, die sich ihr Terrain zurückholt.

Zerschlagene Scheiben hat auch Sigmar Polke in der Serie „Offenes Fenster, Kassel“ von 1972 fotografiert. Der Blick nach draußen, auf Nachkriegsmoderne und Stadttristesse, und im Fenster ist immer ein Sprung, ein Loch. Da verzerrt sich die Optik, verwischt sich das Bild, wie es Anna und Bernhard Blume mit ihren Wirbeln aus Küchenstühlen, Geschirrscherben und Kartoffeln vorgemacht haben. Und wenn man will, kann man von dort zu den Bildfindungen des deutlich jüngeren Wolfgang Tillmans kommen, wo ein Apfel oder Blumentopf ebenso als Bildmotiv taugt wie die Concorde oder belichtetes Fotopapier. Die absolute Schönheit der technischen Reproduzierbarkeit? Die Blumes hätten ein Fragezeichen aus Kartoffelschalen dahintergesetzt.

Anna & Bernhard Blume, Reine Vernunft. Hamburger Bahnhof, bis 10. August, Eröffnung heute, 20 Uhr. Katalog (Walther König) 19,80 €. Ebenfalls im Hamburger Bahnhof: Wolfgang Tillmans bis 24. August, „Sichtbarwerden“ bis 10. August.

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