Fotografie : Tanz der Zeiten

Reise in die Finsternis: Bettina Witteveen erinnert mit ihren Fotos an die Schrecken des Krieges.

Eva Kalwa

Sie ist ständig auf der Suche. Nach Orten, die Geschichte schrieben. Orte, die spiegeln, was die "fotografischen Gedichte" von Bettina Witteveen zeigen: Krieg, Vernichtung, Ausbeutung und Tod.

Allein für die ersten Stationen ihres Installationsprojekt "The Heart of Darkness" ist die 49-jährige Fotokünstlerin mehrere Jahre durch Europa gereist. Stets auf der Suche nach Schauplätzen, die von den großen Tragödien des 20. Jahrhunderts erzählen. Auch in Berlin, wo ihr Großvater an der Humboldt- Uni Indologie lehrte. Über ein Jahr dauerte es, bis Witteveen hier einen geeigneten Ausstellungsort für den dritten Projektteil "Der Tod und das Mädchen" fand. Zentimeterhoch stand da noch das Wasser im ungenutzten Kellergewölbe der Alten Königstadt-Brauerei in der Saarbrücker Straße. Schimmel bedeckte die Wände. Hier mussten im Zweiten Weltkrieg ukrainische Zwangsarbeiterinnen V2-Raketen montieren, hier saßen Mütter mit ihren Kindern zusammengedrängt im Luftschutzkeller.

Die Fotos sind in Plastik eingeschweißt

Diesen Ort wählte Witteveen, um sich mit der Rolle der Frau als Täterin und Opfer in den großen Kriegen des letzten Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Wegen der feuchtkalten Bedingungen im Brauereikeller - jede Nacht legen Maschinen die Räume trocken - sind die Fotos in Plastik eingeschweißt. Auf den glatten Oberflächen entstehen vielfältige Spiegelungen. Es ist ein stiller Tanz der Zeiten und Orte, der von den zerstörerischen Grundmustern im menschlichen Dasein erzählt.

Im Ausstellungsbereich der "Todesfuge" spiegeln sich auf schwarzen, glatten Flächen Fotos von den Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. "Wenn das Auge ins Dunkel blickt, muss es die Pupille erweitern, das Empfindungsvermögen wird aktiviert", sagt Witteveen. Für sie ist die Fähigkeit zum Mitgefühl Voraussetzung dafür, anderen zu helfen. "Ich kann aber nicht etwas von anderen Menschen erwarten, ohne selbst aktiv zu werden", sagt sie. In Kambodscha hat sie die Vormundschaft für 94 Waisenkinder. Sie leistet persönlich Flüchtlingshilfe, zuletzt für eine junge Tschetschenin, unterstützt Bildungsprojekte in den USA und hat vor kurzem über eine Hilfsorganisation in Nepal neun Kindersoldaten freigekauft.

Der Keller war früher ein Bunker - und eine Waffenfabrik

Schon früh entwickelte die aus wohlhabenden Verhältnissen stammende Witteveen den Wunsch, durch eigene Kraft ein kleines Stück Welt zu verändern. "Ich war der erste Hippie Mannheims", erzählt sie. Nach dem Abitur geht sie nach England und in die USA, um Kunst, Amerikanistik und Geschichte zu studieren. Das Juraexamen in München folgt, es lockt die weite Welt - und auch das Geld. Witteveen arbeitet als Brokerin an der Wall Street. "In den Achtzigern habe ich ein Yuppie-Dasein geführt mit Privatjet und Luxusapartment. Irgendwann war Schluss, ich wollte nicht mehr." Sie fängt an, sich intensiv mit buddhistischen Lehren zu beschäftigen, und beginnt zu fotografieren. Der Kauf einer Hasselblad-Kamera gibt ihrem Leben eine neue Wendung. Das quadratische Fotoformat erinnert sie an den "sacred space", den "heiligen Raum" im Buddhismus.

Ihre erste Installation zu "The Heart of Darkness" realisierte sie 2005 unter dem Titel "Dulce et decorum est pro patria mori" ("Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben") in der französischen Provinz bei Toulouse. Hier setzt sich Witteveen mit deutsch-französischen Konflikten und der Kolonialgeschichte auseinander. Die zweite Installation "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit. And the beat goes on" über den schmalen Grat zwischen Idealismus und Fanatismus wurde 2006 im New Yorker Goethe-Institut gezeigt.

Witteveens Installationen bestehen aus eigenen Aufnahmen und aus stark nachbearbeiteten Originalfotos, die sie auf ihren Reisen in alten Magazinen, Archiven oder Antiquariaten findet. Sie selbst hat betörend schöne Landschaften fotografiert, die vor dem Hintergrund ihrer Geschichte aber auch von Gewalt und Tod erzählen. So wie das Triptychon in dem lang gestreckten Kellerraum unter der Brauerei, den Witteveen "Gulag" nennt. Das Bild zeigt in kräftigen Farben eine Sommeridylle, grün ist die Wiese und tiefblau das Meer. Fast könnte man das dünne Kreuz auf dem Steinhaufen für einen alten Strommasten halten. Tatsächlich ist es eine Gedenkstätte für die Frauen, die zwischen 1922 und 1960 in den russischen Vernichtungs- und Zwangsarbeitslagern auf den Solowezki- Inseln im Weißen Meer ums Leben kamen. Schönheit und Licht löschen den Schrecken nicht aus. Aber sie geben der Hoffnung Raum.

Alte Königstadt-Brauerei (Straßburger Straße, Ecke Saarbrücker Straße 24, Prenzlauer Berg). Täglich 11 bis 19 Uhr. Bis 29. Juli. Eintritt frei.

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