Georg Grosz : Der Schatz im Kohlenkeller

„Korrekt und anarchisch“: Die Akademie der Künste zeigt den ganzen George Grosz. Offenbar ist die Zeit reif für den späten Grosz.

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Bissig. Grosz' »College Girl« karikierte 1958 die US-Sportsucht. -Foto: Akademie/VG Bildkunst

Manche wollen es geahnt haben, wie der Schriftsteller und Freund Hans Sahl, der George Grosz sechs Wochen zuvor in New York an Bord des Ocean-Liners brachte: „Er stand, ein Sektglas in der Hand, an der Reling und hielt sich taumelnd an der Takelage fest. Wir verabredeten ein Wiedersehen in Berlin. Er wird bald sterben, dachte ich unwillkürlich, als ich über die Schiffsplanke an Land ging ...“ Trotzdem war es ein Schock, als der 64-Jährige morgens von der Zeitungsfrau im Eingang des Hauses seines Schwagers und Dada-Kumpanen Otto Schmalhausen am Savignyplatz gefunden wurde. George Grosz, der große Porträtist der Weimarer Republik, war nach einer Zechtour die Treppe heruntergestürzt und seinen Verletzungen erlegen.

Just 51 Jahre liegt das tragische Ereignis zurück, eine krumme Zahl für eine Gedenkausstellung. Aber bei Grosz scheint das dazuzugehören, denn schon die Neue Nationalgalerie feierte 1994 mit einem Jahr Verspätung den 100. Geburtstag des Künstlers. Nun fühlt sich die Akademie der Künste in der Pflicht, denn in den letzten Jahren sind bedeutende Bestände in Archiv und Kunstsammlung gelangt, die am Pariser Platz ausgebreitet werden: Jugendzeichnungen, eine Kollektion kolorierter Postkarten, alle 200 Skizzenbücher, die sich in jener Holzkiste im Kohlenkeller des Hauses Savignyplatz Nummer 5 auffanden, als die Familie Schmalhausen die Wohnung 1984 auflöste. Grosz hatte sie zurückgelassen, bevor er im Januar 1933 in die USA emigrierte, wo er einen Lehrauftrag erhielt.

In der legendären Kiste, deren Inhalt nun erstmals fast vollständig das Licht erblickt, lagerten auch 23 Zeichnungen des Schriftstellers Max Herrmann-Neisse, vermutlich Vorstudien für jene zwei Porträts, die sich heute im Museum of Modern Art in New York und in der Mannheimer Kunsthalle befinden. Um das MoMA-Exemplar sowie zwei weitere dortige Gemälde ist nun ein Streit entbrannt. Doch die Grosz-Erben, Sohn Marty und seine Schwägerin Lilian, haben vergeblich geklagt. Ein New Yorker Gericht hat gerade erst ihre Klage auf Herausgabe wegen versäumter Fristen abgeschmettert. Die von Grosz bei seinem Kunsthändler Alfred Flechtheim hinterlegten Bilder waren auf der Flucht vor den Nazis verschwunden und erst nach dem Krieg im MoMA wieder aufgetaucht.

Der Herrmann-Neisse gewidmete Saal erscheint nun wie ein Vermächtnis, die Beschwörung eines zum zweiten Mal verlorenen Besitzes: Mit Bleistift, Kohle, Tusche porträtierte Grosz den Freund, der mal überwach, dann wieder in sich gekauert erscheint, mal melancholisch, dann wieder grotesk. Mit seiner eigentümlichen Physiognomie, dem gekrümmten Rücken, verknöcherten Gesicht, den vorgestülpten Lippen, der überdimensionalen Brille saß er für viele Künstler Modell. Bei Grosz aber fühlte er sich besonders wohl: „Wir hatten ungefähr dieselbe Gesinnung und Stimmung ... wir waren beide sowohl Lyriker als Zyniker, korrekt und anarchisch!“ Sein Diktum liefert denn auch den Titel für die Ausstellung.

„Korrekt und anarchisch“, das passt zum Maler wie zum Menschen. Grosz, der Preuße, besaß einen untrüglichen Realitätssinn, den sezierenden Blick des Analytikers, der schon in den Zwanzigern das Unheil heraufziehen sah und in seinen Werken ätzend vorführte. Zugleich behielt er seinen eigenen Kopf, war Expressionist, Dadaist, Vertreter der Neuen Sachlichkeit, schloss sich nie endgültig einer Richtung an und verließ nach einer ernüchternden Reise in die Sowjetunion 1922 die Kommunistische Partei. Nach Übersiedlung in die USA sagte er sich von seinem Weimarer Werk los, um in der neuen Heimat Fuß zu fassen.

Aus Anlass des Todestages hat der Schöffling-Verlag Grosz’ fulminante, 1948 verfasste Autobiografie neu aufgelegt. Das Doppeltalent lässt literarisch den Reigen der Persönlichkeiten wiederauferstehen, die er auf beiden Seiten des Atlantiks traf; gestochen scharf wie in seinen Zeichnungen schreibt er über die Zwanziger, „eine dolle Zeit“, aber auch vom vergeblichen Bemühen in den USA heimisch zu werden, dem seit Kindheit glorifizierten Land, in dem er sich mit dem wachsenden Erfolg der abstrakten Malerei als Realist abgeschoben fühlte.

Jede Zeit entdeckt ihren Grosz, so Birgit Möckel, Kuratorin der Akademie-Ausstellung. Offensichtlich ist sie jetzt für den späten Grosz reif. Zeigte 2009 die Berliner Galerie Nolan Judin die apokalyptischen Gemälde – in denen der Künstler Europas Horrorszenarios aus der Ferne imaginierte – und die bis dahin als Kitsch abgelehnten Aquarelle der Sommeraufenthalte auf Cape Cod, so öffnet nun die Akademie den Blick für die am Ende seines US-Aufenthalts aus Zeitschriften gefertigten Collagen, in denen das Prinzip von Dada, die Verdichtung der Wirklichkeit durch Zusammenprall, wiederkehrt. Zunehmend gesteht sich Grosz seine Enttäuschung ein und gibt damit die Bahn frei für bitterböse Kommentare auf den American Way of Life. Das mit aufgerissenem Mund lachende „College Girl“ (um 1958) mit Segelohren und umgedrehten Augen steckt bis zum Hals im Baseball-Handschuh, eine Karikatur der Sportbesessenheit amerikanischer Hochschulen. Aus heutiger Sicht zeigt sich sofort, dass Grosz die Pop Art vorwegnahm, die harte Konfrontation von Versatzstücken des Alltags, eine Fortsetzung der realistischen Traditionen nur mit anderen Mitteln.

Das Verdienst der Ausstellung aber ist die Zusammenschau mit frühen Arbeiten des Hochbegabten, den Zeichnungen des 13- bis 16-Jährigen damals noch im pommerschen Städtchen Stolp, wo seine Mutter eine Wirtschaft führte. Hier studierte Grosz die Charaktere, die später seinen Kosmos bevölkern sollten. Treffsicher zeichnete er die Säufer, vollgefressenen Bürger, verlogenen Advokaten, deren Begegnungen er mit kleinen Zwiegesprächen versah, um sie an Ulk- Magazine zu verkaufen. Jene Verbindung aus Text und Bild vervollkommnete er in den Zeitschriften der Zwanziger, mit denen er berühmt wurde. Die Ausstellung zeigt auch die Mappenwerke „Ecce Homo“, „Das neue Gesicht der herrschenden Klasse“, für die er wegen Angriff auf öffentliche Moral und Gotteslästerung angeklagt wurde.

Heute wirken jene kreuz und quer laufenden Huren, Freier, Kriegsversehrten, Arbeitslosen, Generäle und Bonzen eher harmlos. Aber die brillante Kombination, die Dynamik, Bissigkeit hat nicht verloren. Wer die Welt so sah, musste ahnen, was kommt. Intuitiv hatte Grosz sich kurz vor der Machtergreifung in die USA abgesetzt. Zum echten Amerikaner wurde er in 27 Jahren nicht. Als Heimkehrer hatte er nur Wochen zu leben. George Grosz wurde zur Figur zwischen Kontinenten und Epochen. Der große Porträtist der Weimarer Republik aber bleibt er.

Akademie der Künste, Eröffnung: heute 11.30 Uhr. Bis 5.4.; Di-So 11-20 Uhr. George Grosz: Ein kleines Ja und ein großes Nein. Frankfurt / M. 2009. 34,90 €.

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