Georg-Kolbe-Museum : Tierversuchungen

Wie viel Tier steckt in uns? In der Kunst treibt die Auflösung der Speziesgrenzen spannende Blüten. Die NGBK zeigt Kunst von und mit Tieren.

Kolja Reichert
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John Isaacs Drückeräffchen

Um kein Tier mehr zu sein, schrieb Nietzsche, habe sich der Mensch an die Ketten von Moral und Metaphysik gelegt. Doch er könne erst weiterkommen, wenn er diese Ketten abwerfe und sich auf das Tier in sich besinne. Verhaltensforschung und Biotechnik arbeiten daran. Auf Pop- und Theaterbühnen florieren die Tiermasken. Und in der Kunst treibt die Auflösung der Speziesgrenzen so spannende Blüten, dass die NGBK der Ausstellung „Tierperspektiven“ im Georg-Kolbe-Museum ein zweites Projekt zur Seite stellt: „Tier-Werden, Mensch-Werden“, eine Gruppenschau mit 17 Künstlern.

Wie viel Fisch und Affe in uns steckt, veranschaulicht Daniel Lees Video „Origin“: die Evolution in zwei Minuten. Betroffenheit weckt dagegen John Isaacs Wachsfigur eines Affen, der verloren ins Leere blickt, im Begriff sich eine Spritze in den Arm zu setzen. Seine Hände sind die eines Menschen. Es war der Daumen, der dem Zweibeiner seine evolutionäre Überlegenheit sicherte.

Aurelia Mihais Video von jungen Männern, die einen Bärentanz in Fellkostümen aufführen, erinnert daran, dass Menschen seit jeher in archaischen Ritualen die Grenzen zum Tier überspielen. Das alte Neujahrsritual aus den Westkarpaten erscheint hier doppelt gebrochen, als die Aufzeichnung eines Schaustellerspektakels. Damit bleibt allerdings auch die Arbeit selbst an der Oberfläche. Auch Eija-Liisa Ahtilas großformatige Fotos einer Nackten, die als Hund posiert, nähern sich nur vordergründig der existenziellen Erfahrung des „Tier-Werdens“, wie es Gilles Deleuze und Félix Guattari, die philosophischen Paten der Ausstellung, im Kunstschaffen selbst gesehen haben. Die Kräfte der Intuition siegen da über feste Identitäten. Vitaly Komar und Alexander Melamid erklären umgekehrt Tiere zu Künstlern und persiflieren mit ihren Elefantenmalschulen westliche Konzepte von Autorschaft.

Am eindrucksvollsten geht Catherine Bell in der Aufzeichnung ihrer Performance „Felt ist the Past Tense of Feel“ auf das körperliche Risiko des Tier-Werdens ein: Auf einem Oktopus thronend, saugt sie die Tinte aus dessen Fangarmen, während sich ihr blondes Haar und ihr pinkfarbener Filzanzug mit Sepia tränken. Ein majestätisches Ritual der Selbstauflösung. Dass die Künstlerin damit den Tod ihres Vaters verarbeitete, lässt stumm staunen.

Still und maliziös dagegen der andere Höhepunkt der Ausstellung: Patricia Piccinini ist für ihre Silikonskulpturen bekannt, in denen Tier, Mensch und Technik ungewohnte Verbindungen eingehen. Hier zeigt die Australierin Grafitzeichnungen im unschuldigen Stil alter Kinderbuchillustrationen, in denen sich Kinder einträchtig mit Monstern tummeln. Wo sonst die Mutter zu erwarten wäre, legt ein mutiertes Äffchen von hinten die Arme um ein zeichnendes Mädchen. Kinder urteilen nicht, sagt die Künstlerin. Sie sind ja selbst erst dabei, Menschen zu werden. Wer sich hier wundert, muss das mit sich selbst ausmachen. Kolja Reichert

Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Oranienstraße 25, bis 17. 6.; tgl. 12–19 Uhr; Videovorführungen am 14.6., 18 Uhr

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