Giovanni Battista Piranesi : Ansicht mit Aussicht

Bilder fürs Fernweh: Piranesis Rom-Veduten im Kupferstichkabinett huldigen der italienischen Metropole.

Michael Zajonz

Wer genauer hinsieht, erkennt die Hinfälligkeit. Riecht den bestialischen Gestank, hört das Palavern, spürt die Sommerhitze, das Flirren des silbrigen Lichts, den kühlenden Schatten. Giovanni Battista Piranesi war ein Meister des Atmosphärischen. Sein Medium war die topografisch genaue Architekturdarstellung, damals Vedute genannt. Sein Lebensthema war die Stadt Rom – in all ihrer Pracht, Anmaßung, Verkommenheit. Der gebürtige Venezianer Piranesi hat vor 250 Jahren ein Rom-Bild erfunden, so suggestiv und wirkungsmächtig, dass es romantisch veranlagten Rom-Reisenden – und wer wäre nicht romantisch in dieser Stadt? – noch heute den Kopf verdreht.

„Vedute di Roma – Ansichten von Rom“ heißt die Sommerausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts. „Vedute di Roma“, das war Piranesis größter kommerzieller Erfolg: insgesamt 135 Radierungen im Großfolioformat, Ansichten des antiken und des neuen Rom, ein Loblied auf die magnificenza, die historisch legitimierte Herrlichkeit der Ewigen Stadt. Man konnte sie als Einzelblätter und als gebundene Ausgabe kaufen. Die frühen Rom-Touristen, besonders die Engländer, waren verrückt danach. Goethe hingegen zeigte sich weniger angetan. Was seine bildkünstlerischen Vorlieben anging, war er ein kühler Klassizist.

Mit dieser Folge finanzierte der Eigenbrötler Piranesi seine spröderen Grafikserien: die archäologischen Bauaufnahmen, die dem gelernten Architekten besonders am Herzen lagen, oder die zunächst fast unverkäuflichen „Carceri“, fantastische Innenansichten unterirdischer Kerker, die ihren Erfinder zu einem Vorläufer der Moderne machen. Nicht umsonst setzt die Surrealismus-Sammlung Scharf-Gerstenberg, die im nächsten Jahr in Charlottenburg eröffnen wird, mit Piranesi und Goya frühe Akzente.

Wer aber meint, die „Vedute di Roma“ seien vergleichsweise harmlose Gebrauchskunstwerke, liegt gründlich daneben. Die Auswahl von über 60 Blättern im Kupferstichkabinett demonstriert einen fortschreitenden Hang zu exzentrischen Bildausschnitten. Der Begriff „veduta“ lässt sich mit Ansicht oder Aussicht übersetzen. Piranesi war einer der Ersten – mit seinem venezianischen Vorbild Canaletto –, der die in der Hierarchie der Künste ganz unten rangierende Vedute zur eigenständigen Ausdrucksform erhob. Der nicht mehr nur handwerklich korrekt abbildete, sondern etwas von sich als fühlender, urteilender Mensch dazugab.

Piranesi war nicht nur ein erfolgloser Architekt und dilettierender Archäologe, er hat sich auch als Bühnenbildner versucht. In den „Vedute“ verhilft er der Stadt zu dramatischen Auftritten. Prägendes Stilmittel seiner Inszenierungskunst ist der Kontrast. Der tritt beinahe schmerzhaft zutage, wenn noch im Verfall großartige antike Monumente neben minderwertigem Neuen stehen. Oft gibt sich diese Gegenwart provisorisch: wie beim Portikus der Octavia, der, mit Buden zugemüllt, als Fischmarkt diente. Und das Forum Romanum zeigt Piranesi lange vor der archäologischen Freilegung als Kuhweide.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Norbert Miller spricht in seinem grandiosen Piranesi-Buch „Archäologie des Traums“ (1978) von einer „Ästhetik der Paradoxie“. Zu ihr gehört die genaue Sicht auf die heruntergekommene Stadt. Dass Piranesi die zerfetzten Zettel und Plakate an den Säulen des Pantheon nicht ausblendet oder die vielen Scharten und Schrunden der antiken Mauern wie offene Wunden präsentiert, hat viele seiner Zeitgenossen empört. Selbst auf den „Postkartenansichten“ neuer Baukunst, von Petersplatz, Spanischer Treppe oder Piazza Navona, zeigt er neben glatten Mauern achtlos herumliegende Antikentrümmer und neben ehrbaren Bürgern Leute, denen man nur ungern begegnen würde.

Ein Realist war dieser seismografische Zeichner und Radierer trotzdem nicht. Bei den „Vedute di Roma“, entstanden zwischen 1745 und dem Todesjahr 1778, trieben Piranesi wohl zunehmend Glaubensmotive. Hein Schulze Altcappenberg, Direktor des Kupferstichkabinetts, verweist im Katalog auf die Präsenz von Kreuzessymbolen auf zentralen Blättern wie der Vogelschau in den Trichter des Kolosseums. Erst sie erheben die touristische Bilderfolge zu einem auf Papier gedruckten Loblied Roms, des Nabels der Welt unter den Kaisern und Päpsten. Eine Hymne auf die ideale Vergangenheit, die reale Gegenwart und eine Zukunft, die beide versöhnt.

Kupferstichkabinett am Kulturforum, bis 11. November. Katalog (Deutscher Kunstverlag) im Museum 14, 90 €, im Buchhandel 19,90 €.

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