"Gray Area" : Zeig mir die Stadt 

Das Deutsche Guggenheim Berlin zeigt die magischen Architekturansichten „Gray Area“ der amerikanischen Künstlerin Julie Mehretu.

Christina Tilmann
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Fassadenzauber. "Berliner Plätze", 2008/2009 (Ausschnitt). -Foto: Matthias Schormann, © Julie Mehretu, Courtesy Carlier/Gebauer, Berlin, und The Project, New York

Ecken und Türmchen, Gesimse und Gauben, Bögen und Pfeiler – ist jene Turmfassade nicht Karstadt am Hermannplatz? Und dort die ehemalige Staatsbank, heute Hotel du Rome? Wenn man genau hinschaut, meint man auch das Berliner Stadtschloss zu erkennen, Portal für Portal samt Kuppel. Und doch wirkt das Ganze keineswegs historisch, sondern wie Architektur vom Reißbrett, oder jene dünnen Betonelemente, mit denen etwa am Neuen Markt in Dresden, rund um die Frauenkirche, historische Stadtarchitektur vorgegaukelt werden soll.

Es ist ein Vexierbild, das die amerikanische Künstlerin Julie Mehretu aus Elementen Berliner Stadtarchitektur kompiliert hat. Feine Zeichnungen, doch sie stehen kreuz und quer und zum Teil auf dem Kopf. Und sind in so vielen Schichten übereinandergelegt, dass aus der Ferne ein verwirrendes Stadtgebirge entsteht, halb Piranesi, halb H.C. Escher, und Anklänge an Metropolis gibt es zuhauf.

Das Bild „Berliner Plätze“, in der Deutschen Guggenheim Berlin wirkungsvoll als Blickfang an das Ende des Raums gehängt, entstand während eines Berlinaufenthalts der in New York lebenden Äthiopierin Julie Mehretu. Und ist nun Teil einer siebenteiligen Serie, „Grey Area“, mit der die Deutsche Guggenheim Berlin die Serie ihrer Auftragsarbeiten fortsetzt. Da bilden sich Flucht- und Erinnerungslinien: Ähnelt „Grey Area“ mit seinen sieben großformatigen Tafeln nicht Gerhard Richters „8 Grey“, jenen monochrom-grauen Tafeln, die er hier erstmals zeigte? Und Hanne Darbovens geduldige Notationen – sind Mehretus fein gestrichelte Zeichnungen nicht auch ihnen verwandt? Rachel Whitereads Positive-Negativ-Architekturen, Jeff Walls Peripherie-Fotografien, ja selbst Anish Kapoors an ein rostiges Ufo, einen Tanker erinnernde Großinstallation „Memory“ vor einem Jahr: In Mehretus magischen Stadtbildern schwingt vieles mit, was Künstler heute beschäftigt.

Umso erstaunlicher, dass die 1970 geborene Mehretu, die international bereits ein Star ist, in Deutschland einem breiteren Publikum immer noch kaum bekannt ist. Eine Ausstellung im Kunstverein Hannover 2007, parallel zum Gastaufenthalt in der American Academy, legte den Grundstein für Mehretus Deutschlandbeschäftigung. Ein Jahr später, im Sommer 2008, kam sie noch einmal zurück und arbeitete im Berliner Studio an ihrem Zyklus „Grey Area“. Fotos von Mark Hanauer belegen die factory-artige Atmosphäre: Die arbeitsaufwendigen Großarbeiten werden längst nicht mehr von der Künstlerin allein, sondern von einem Stab von Assistenten erledigt.

Mehretus Stadtimpressionen, in denen sie Motive aus Kriegs- und Krisenzeiten mit heutiger Flughafen- und Bahnhofsarchitektur verbindet, sind ein raffiniertes Spiel mit Erinnerung und Auslöschung, mit Rekonstruktion und Verfremdung. Saddam Husseins zerstörter Palast in Bagdad kann ebenso Ausgangspunkt einer zeichnerischen Strukturerforschung werden wie die Bunker des Atlantik-Walls oder die Berliner Gründerzeitbauten. Doch immer legen sich Schichten über Schichten auf die vom Computerbild minutiös auf die Leinwand übertragenen Architekturstrukturen, und dann fährt die Künstlerin noch mit der Tuschefeder darüber, strichelt gestische Wirbel, legt eine Farbwolke darüber, am Ende entsteht ein abstraktes Gemälde, das erst beim Näherkommen seine sehr realen Grundmauern erkennen lässt.

Es ist die passende Kunst für eine Stadt, die sich immer wieder neu erfunden und zerstört, vereinigt und getrennt, überbaut und abgerissen hat, in der die Weltkriegs- und Zerstörungsspuren noch ebenso sichtbar sind wie die Stadtutopien der Nachkriegs- und Nachwendezeit. Der Versuch jeder Generation, die Stadt neu zu schreiben, findet eine perfekte Entsprechung in Mehretus Technik der schichtweisen Überschreibung und Übermalung. Dass David Chipperfield am Neuen Museum gerade jede Spur der Vergangenheit minutiös bewahrt hat, dass Franco Stella nebenan am Schlossplatz ein modernes Pasticcio aus Altfassade und moderner Museumsnutzung versucht – das ist das Spannungsfeld, in dem sich Mehretus Arbeiten wie ein ironisch-prägnanter Kommentar ausnehmen. Sie hätte keinen besseren Zeitpunkt, keinen besseren Ort wählen können.

- Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13/15, bis 6. Januar 2010, täglich 10 bis 20 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog 29 Euro. Am Donnerstag, 29. Okt., um 19 Uhr erläutert Julie Mehretu gemeinsam mit Kuratorin Joan Young ihre Arbeit.

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